Gebet ist wie eine Rettungsinsel

Helmut Nehrenheim

Herr Helmut Nehrenheim gehört der Freien evangelischen Gemeinde Hoerstgen in Kamp-Lintfort an. Ich freue mich, dass ich meinen ehemaligen Arbeitskollegen – deshalb auch das Du – als Mitglied der Gemeindeleitung der Freien evangelischen Gemeinde befragen darf.

Was ist das Besondere an einer Freien evangelischen Gemeinde und welche Aufgaben hast du als Mitglied der Gemeindeleitung?

Herr Nehrenheim: Wesentliches Merkmal einer Freien evangelischen Gemeinde (FeG) ist das Prinzip der Freiwilligkeitsgemeinde als Gemeinde der Glaubenden. Das bedeutet, dass eine Mitgliedschaft nur aufgrund einer persönlichen Glaubensentscheidung erfolgen kann.

Wir glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist und wir nur in ihr zuverlässig von Jesus Christus erfahren. Jesus Christus, Gnade, Glaube und Bibel – das sind die „evangelischen“ Merkmale, quasi der genetische Fingerabdruck einer FeG, aus denen wir leben. Im Vergleich zu den Landeskirchen ist jede FeG eine selbstständige Ortsgemeinde, die sich ausschließlich über Spenden finanziert und damit bewusst auf die Möglichkeit verzichtet, Kirchensteuern zu erheben. Im Bund Freier evangelischer Gemeinden als Körperschaft des öffentlichen Rechts sind die selbstständigen Ortsgemeinden (derzeit ca. 430; Tendenz steigend) zusammengeschlossen. Die Aufgaben und Leistungen des Bundes wie z.B. die Pastorenausbildung, die Missionswerke oder weitere zentrale Aufgaben werden finanziell ebenfalls durch die Ortsgemeinden getragen. Bei weiterem Interesse empfehle ich diese Seite der FeG Deutschland.

So ist auch die FeG Hoerstgen eine für sich juristisch selbstständige Gemeinde. Jede Ortsgemeinde wird von einer Gemeindeleitung, auch Ältestenkreis genannt, organisatorisch und geistlich geleitet. Berufen werden die Mitglieder der Gemeindeleitung für jeweils 4 Jahre durch die Gemeindeversammlung; eine erneute Berufung ist möglich. Ich selber gehöre seit dem Jahr 2008 zur Gemeindeleitung. Organisatorische Leitung bedeutet beispielsweise: Vertreten der Gemeinde nach Außen oder Vorbereitung und Durchführung von Gemeindeversammlungen – dem Organ jeder Ortsgemeinde, in dem Beschlüsse von großer Tragweite getroffen werden. So konnten wir beschließen, ein neues Gemeindehaus zu bauen, das wir im Jahr 2017 bezogen.

Geistliche Leitung ist schwieriger zu beschreiben: Was ist dran? Wohin soll sich unsere Gemeinde entwickeln? Wo gibt es Konflikte? Wer bedarf der besonderen Seelsorge? Das sind Fragen, mit denen wir uns regelmäßig beschäftigen.

Welche Rolle spielt das Gebet in Deiner Gemeinde und auch für Dich?

Herr Nehrenheim: Um diese Frage zu beantworten, muss man noch einmal auf unsere Grundlage – Gnade, Glaube und Bibel – zurückkommen. Zwangläufig kommt man beim Bibelstudium am Gebet vorbei: die „Blaupause eines Gebets“ – das Vater Unser – ist sicherlich am bekanntesten. Die Telefonnummer Gottes „5015“ (Psalm 50,15) oder das Hohepriesterliche Gebet Jesu (Johannes 17) sind zwei weitere Beispiele.

Der Gebetskreis trifft sich, um gemeinsam die Anliegen der Mitglieder und Freunde der Gemeinde vor Gott zu bringen.

Vor diesem Hintergrund ist das Gebet wichtiger Bestandteil einer jeden Veranstaltung, ob es der Gottesdienst am Sonntag ist oder die Gruppen, die sich in der Woche treffen. Dazu gehört auch der Gebetskreis, der sich trifft, um gemeinsam die Anliegen der Mitglieder und Freunde der Gemeinde vor Gott zu bringen.

Ich selber schätze das persönliche Gebet – frei, mit meinen eigenen Worten und Gedanken, still, laut, ortsunabhängig, bittend, lobend, zeitlich nicht festgelegt. Man kann die Aufzählung sicherlich noch erweitern. Wichtig ist, dass jeder beten kann. Man muss nicht studiert haben. Das, was auf der Seele liegt, vor Gott bringen, wenige Worte reichen, ehrlich.

Gemeindehaus Hoerstgen
Gemeindehaus der FeG Hoerstgen

Ich habe selbst schon dankbar erfahren, dass Deine Gemeinde während einer Erkrankung für mich gebetet hat. Welche Bedeutung besitzt die Fürbitte für Deine Gemeinde?

Herr Nehrenheim: Wir feiern einmal im Monat das Abendmahl, in dem wir uns an Jesu Tod und die Auferstehung erinnern wollen. Im Rahmen des Abendmahls ermöglichen wir jedem, freudige Ereignisse, aber auch Notsituationen mit der Gemeinde zu teilen. Dazu kann auch die Not eines Arbeitskollegen gehören. Durch diese persönliche Runde wollen wir erreichen, dass wir an einander Anteil haben, für einander beten und somit Freude, aber auch Leid teilen. Gemeinde hautnah – nicht anonym. Auf den Gebetskreis habe ich ja bereits hingewiesen.

Wie gehst Du damit um, wenn Gebete nicht helfen?

Herr Nehrenheim: Das ist eine schwierige, aber auch nachvollziehbare Frage. Mir begegnet diese Frage oft in Verbindung mit der Bitte um Krankenheilung. Aber seien wir mal ehrlich: Ist Gott ein Gebetserfüllungsautomat? Tanja Omenzetter schreibt *:

Ohne Jesus gäbe es keine Versöhnung und keinen echten Frieden mit Gott.

„Selbst Jesus klagte und schrie zu Gott. Er bat, dass, wenn möglich, er nicht gekreuzigt werden wollte – wenn Gottes Wille dies zulasse. Gott hörte, aber erhörte das Gebet seines eigenen, einzigen Sohnes nicht. Denn Gott wusste, Jesus würde leiden und sterben, aber er würde auch auferstehen! Zum Glück, denn so wurden unsere Sünde, unsere Verfehlungen und bösen Taten gesühnt und bezahlt. Ohne Jesus gäbe es keine Vergebung. Ohne Jesus gäbe es keine Versöhnung und keinen echten Frieden mit Gott. Sogar den „Himmel“ könnte man »in die Tonne treten«. Das Christsein gäbe es nicht, denn ihm wäre die Grundlage entzogen, hätte Gott damals das Gebet seines Sohnes erhört.“

Ich glaube schon, dass Gott ein Gebet hört. Aber ich stelle mich unter seine Weisheit. Wenn mich wirklich etwas bedrückt, dann – bildlich gesprochen – bleibe ich am Ball, dann liege ich ihm in den Ohren. Was passiert, liegt danach nicht mehr in meiner Hand.

Wie würdest Du den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich…”

Herr Nehrenheim: Gebet ist für mich wie eine Rettungsinsel in der Not; ein Geschenk, mit dem Herrn des Himmels und der Erde reden zu können; aber auch Besinnung, dass wir Gott loben und anbeten sollen. Das hört sich jetzt vielleicht unverständlich, schräg oder abgehoben an. Aber es ist wahr: Ich kann jeden nur ermutigen, seinen Alltag in Gottes Hände zu legen. Das Gebet ist dazu eine perfekte Möglichkeit.

Ich danke für das Gespräch.

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