Wie gutes Sterben gelingen kann

Anke Gerstein

Anke Gerstein ist Palliativkrankenschwester, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und Sterbeamme. Ihr ist es nach eigenen Worten ein Herzensanliegen, mehr Menschen an ihren Erfahrungen, Beobachtungen und an ihrem Wissen rund um das Thema Sterben teilhaben zu lassen. Ich freue mich, dass Frau Gerstein sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.

Frau Gerstein, was ist eine Sterbeamme?

Anke Gerstein: Der Begriff „Sterbeamme“ ist erklärungsbedürftig. Er lehnt sich an den Begriff der Hebamme an. Wenn wir in das Leben hereinkommen, dann haben wir selbstverständlicherweise eine Fachfrau an unserer Seite. Sie macht die Geburtsvorbereitung mit uns, führt die Geburt durch und kümmert sich um die Nachsorge. Das Sterben ist einer Geburt sehr ähnlich. Auch dort geht es um einen Eintritt in eine neue Dimension. Der Sterbeprozess ist etwas, das automatisiert abläuft. Wenn wir unsere Sorgen und Ängste überwunden haben und wir uns hingeben können, dann passiert alles, ohne unser Mitwirken. 

Eine Sterbeamme ist jemand, die fachkundig in Krisen und im Sterben unterstützt. Sie versucht, Ängste zu wandeln, Sinnfragen gemeinsam zu lösen und „offene Baustellen“ zu bereinigen. Ihr Ziel ist es, einen friedlichen Abschied für alle Beteiligten herbei zu führen. Nach dem Sterben kann sie bei Bedarf noch eine Nachsorge für die Angehörigen, in Form von einer Trauerbegleitung anbieten.

Alte Frau
Ein gelebtes Leben
Foto: Pixabay/Sabine van Erp

Eine Sterbeamme kann aber auch gleichzeitig eine „Lebensamme“ sein. Sie kann bei einer schwierigen Diagnose Menschen versuchen, wieder mit neuem Leben zu infizieren oder schauen, wie sie bestmöglich unterstützt werden.

Wie sind Sie zu Ihrer Arbeit als Sterbeamme gekommen?

Anke Gerstein: Zunächst hat mich von klein auf dieses Thema Tod und Sterben brennend interessiert. In schon jungen Jahren habe ich mich bereits mit Nahtoderfahrungen auseinandergesetzt und mir viele Sinnfragen gestellt.

Der Auslöser zur Orientierung in diesen Bereich war der Tod meines Vaters. Er starb mit 63 Jahren an Darmkrebs und ich durfte ihn in seinen letzten 2 Lebenswochen intensiv begleiten. Es war ein sehr schöner Abschied, bei dem wir intuitiv alles richtig gemacht hatten. Daraus erwuchs bei mir der Wunsch, es Menschen in ähnlicher Weise zu ermöglichen, von ihren Liebsten friedlich Abschied nehmen zu können.

Es geht darum, sich mit seinem Leben zu versöhnen und mit einem großen „JA“ auf den Lippen gehen zu können.

Vor ca 15 Jahren fing ich dann an, auf einer Palliativstation als Krankenschwester zu arbeiten. Sehr bald wurde mir bewusst, dass viele Sterbende, aber auch deren Angehörige, nicht gut auf das Sterben vorbereitet waren. So kümmerte ich mich um Fortbildungen, die mich befähigten, sie besser zu unterstützen. Ich stieß auf die Ausbildung zur Sterbeamme, in der wir lernten, sehr kreativ und bodenständig Menschen in Krisen zu begleiten.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Vielleicht könnten Sie uns von einer Sterbebegleitung berichten, die Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist.

Anke Gerstein: Meine Arbeit besteht darin, dass ich mich an den Wünschen des Sterbenden oder deren Angehörigen orientiere. Jeder hat andere Fragen, jeder hat andere Ängste. Ich versuche sie aufzulösen, in dem ich andere und neue Blickwinkel eröffne. Hadert jemand z.B. mit seinem Leben, daß er nicht alles geschafft hat, was er sich vorgenommen hat, dann machen wir eine Liste von dem, was er in seinem Leben erreicht hat. Genau das gleiche ist es, wenn jemand Schuldgefühle hat. Wir schauen, wie wir die Schuld auf mehrere Schultern verteilen können, oder betrachten, dass in der jeweiligen Situation nicht anders gehandelt werden konnte. Es geht darum, sich mit seinem Leben zu versöhnen und mit einem großen „JA“ auf den Lippen gehen zu können. 

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Die Fragen und Gefühle sind sehr individuell, deshalb kann ich hier nur Beispiele nennen. Immer ist mein Gegenüber der Experte und ich bin gefragt, meinen Ideenreichtum und die dazu nötigen Werkzeuge, die wir gelernt haben, einzusetzen.

Eine wirklich besondere Sterbebegleitung war die meines Vaters. Aufgrund unserer Offenheit dem Thema und der Situation gegenüber konnte er bis zum letzten Atemzug seine Selbstbestimmung beibehalten. Er ging sehr mutig in den Tod, und streckte kurz vorher seinen Arm in die Luft und sagte: „Mutti.“ Es war, als wenn meine Oma gekommen ist, um ihn abzuholen. Diese Vorstellung, dass wir uns liebende Menschen wiedersehen und sie uns eventuell bei dem Übergang helfen, ist für mich schön und unterstützend. Außerdem konnten wir noch einen Konflikt, der jahrelang zwischen uns stand, auflösen. Auch darüber bin ich sehr dankbar.

Ich berichte ausführlicher in meinem Buch „Sterben wie ein Profi“, in dem ich mutmachende Geschichten über Sterbeprozesse, die ich erlebt habe, verarbeite. Das Buch soll zeigen, dass Sterben nicht immer gruselig ablaufen muss. Außerdem habe ich versucht, herauszuarbeiten, warum diese Menschen so friedlich gestorben sind. So dass wir uns jetzt schon auf unseren Tod vorbereiten können. Eins ist auf jeden Fall klar: Je erfüllter ich gelebt habe, desto leichter fällt mir der Abschied.

Kirchenfenster
Kirchenfenster in der Benediktiner-Abtei Egmond-Binnen
Foto: Achim Beiermann

Welche Rolle spielt Spiritualität oder Glaube in Ihrer Arbeit als Sterbeamme?

Anke Gerstein: Mein Gegenüber ist mein Experte – das bedeutet auch, dass er seinen persönlichen Glauben oder seine Spiritualität mit einbringt. Auf diesem Hintergrund entwickeln wir gemeinsam die Antworten, die für ihn passen. 

Sicherlich rege ich an, einmal nachzudenken, wie seine eigene Jenseitsvorstellung aussieht. Dabei bin ich nicht festgelegt, denn auch ich weiß nicht die absolute Wahrheit. Wir können aber schauen, ob diese Vorstellung hilfreich und unterstützend ist oder nicht. 

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen: „Gebet ist für mich …“

Anke Gerstein: Gebet ist für mich Innehalten, Verbindung aufnehmen mit dem großen Ganzen, mein Herz zu öffnen und von dort aus Stärkendes anderen und mir zukommen zu lassen, gepaart mit großer Dankbarkeit.

Von Anke Gerstein wurde folgendes Buch veröffentlicht: 
„Sterben wie ein Profi: Wie gutes Sterben gelingen kann.“ Erschienen am 10.April 2023 im Verlag Bücken & Sulzer.

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