Suizidale Gedanken sind größte Herausforderung

Marion Gras arbeitet bei der Telefonseelsorge

Frau Marion Gras arbeitet bei der Telefonseelsorge und berät Menschen, die in außergewöhnliche Krisensituationen geraten sind. Ich habe Frau Gras zu ihrer Tätigkeit befragt.

Frau Gras, Sie sind eine der rund 7.500 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge. Was hat Sie veranlasst, sich für diese sicher sehr anstrengende Tätigkeit zu bewerben?

Frau Gras: Ein Ehrenamt zu bekleiden, indem man ganz nah bei den Menschen ist und seine Empathie unter Beweis stellen kann, imponierte mir sehr. Des Weiteren beeindruckte es mich, eine fundierte dreijährige Ausbildung auf den Erkenntnissen des Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers beruhend, zu erhalten. Carl Rogers hat die klientzentrierte Gesprächstherapie entwickelt, in der auf Fragen und Ratschläge verzichtet wird. Im Gegensatz dazu, versuchen wir die Gefühle des Anrufenden aufzuspüren und zu spiegeln.

Können Sie uns bitte schildern, wie eine typische Schicht für Sie verläuft?

Frau Gras: Dazu muss ich sagen, dass es bei der Telefonseelsorge nie einen „typischen Verlauf“ gibt, jedoch müssen Sie sich vorstellen, dass Menschen jedweden Alters und jedweder Herkunft anrufen. Selten, aber dennoch, geht es um reine Alltagsfragen, oft aber handelt es sich um psychische Probleme. Das größte Thema ist Einsamkeit und durch die Pandemie bedingt ist der Kreis derer, die sich aufgrund fehlender Kontakte nicht austauschen können, größer geworden, da auch ein eventuell zufälliges Gespräch beim Einkaufen wegfällt.

Ein großes Problem ist die Einsamkeit

Enorm wichtig ist hier das Zuhören, das stellen wir immer wieder fest. Das Zuhören erfordert eine gewisse Selbstdisziplin, man muss aushalten können, was der Anrufer berichtet und warten, bis er zu Ende erzählt hat. Es ist leider ein Zeichen unserer Zeit, dass die Menschen nicht mehr zuhören können. Oftmals müssen wir gar nicht viel sagen, höchstens bestätigen, dass wir noch zuhören und vor allen Dingen die Zeit aufbringen. Es kommt auch vor, dass wir gemeinsam schweigen, weil es nichts zu sagen gibt, weil es so schwer ist und Worte hier nicht helfen könnten.

Was passiert, wenn jemand im Verlauf eines Gesprächs akut suizidale Gedanken äußert? Und was macht das mit Ihnen?

Frau Gras: Das ist die größte Herausforderung für uns, da wir leider nie erfahren, was nach unserem Gespräch passiert. Zunächst einmal nehmen wir den Anrufer so an, wie er kommt und hören ihm geduldig zu. Durch vorsichtiges Herantasten, indem wir auf die verborgenen Gefühle achten, versuchen wir mit diesen mitzuschwingen und zu verstehen, wie der Gedanke entstanden ist. Im Verlauf des Gesprächs geht es darum, gemeinsam mit dem Suizidanten nach dessen Ressourcen zu forschen. Was trug ihn, als die Welt herum noch nicht im Dunkeln versank? Das kann Musik, ein Buch, eine handwerkliche Arbeit, sportliche Anstrengung sein.

Musik kann die Stimmung aufhellen

Wenn das Gespräch ein gutes Ende findet, beruhigt sich der Anrufer und verspricht, zumindest in den nächsten Stunden, keinen Suizid zu begehen. Man geht bei der Telefonseelsorge davon aus, dass die Suizidabsicht nach einem längeren Gespräch nicht mehr akut ist. Wie lange diese Absicht allerdings Bestand hat, kann uns niemand sagen, am wenigsten der Anrufer. Wir ​Ehrenamtlichen werden diesbezüglich durch unsere Supervisionen aufgefangen, denn solche Anrufe gehen nicht spurlos an uns vorüber.

Kommt es vor, dass Menschen mit Ihnen beten möchten? Wie gehen Sie persönlich damit um?

Frau Gras: Es kommt sehr häufig vor, dass Menschen mit uns beten möchten, weil es offensichtlich leichter ist, gemeinsam zu beten oder beten zu lassen. Je nach Anrufer wird ein bestimmtes Gebet gewünscht, häufig der Psalm 23 (Der Herr ist mein Hirte) oder das Vater Unser, manchmal überlässt man uns die Auswahl. Dann suche ich mir in einem eigens dafür erstellten Ordner ein zur Situation passendes Gebet heraus und trage dies dem Anrufenden vor. Wenn es die Situation verlangt, zünden wir auch ein Kerzchen, das immer auf unserem Schreibtisch steht, für den Anrufenden an.

Gemeinsam beten
Viele Anrufer möchten beten

Wie gelingt Ihnen das Abschalten, wenn Sie von einer anstrengenden Schicht nach Hause zurückkehren?

Frau Gras: Es sind zumeist die Nachtschichten, die besonders viel Aufmerksamkeit verlangen, denn in der Nacht werden erfahrungsgemäß die Probleme noch größer, als sie für den Anrufenden ohnehin schon zu sein scheinen. Die Nächte sind sehr herausfordernd und kräftezehrend, da diese Gespräche zu 90% schwieriger sind. Die Menschen, die nachts anrufen, können oftmals nicht schlafen und steigern sich dann in eine Angstattacke hinein, die es aufzufangen gilt. Da ich ca. 30 Minuten für meine Heimfahrt vom Dienstort aus brauche, schaffe ich es ganz gut, währenddessen meinen Adrenalinspiegel herunterzufahren. Wenn mich etwas besonders intensiv beschäftigt, dann kann ich jederzeit einen Supervisor erreichen, ansonsten bringe ich mein Thema in der nächsten Supervisionssitzung in der Gruppe ein.

Abschließend möchte ich Ihnen noch für die Idee Ihrer Website danken. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese sehr gut angenommen wird. Eventuell hilft den Menschen auch die Anonymität des Schreibens, denn den Hörer in die Hand zu nehmen und darüber zu sprechen ist noch einmal eine andere Hürde.

Ich danke für das Gespräch.

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