Ich schäme mich des Evangeliums nicht

Heinz Frantzmann

Heinz Frantzmann war als evangelischer Pfarrer in Düsseldorf tätig, in der Kirchengemeinde Düsseldorf-Eller und bei der Diakonie. Im Jahr 2019 wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Ich freue mich, dass Herr Frantzmann Auszüge aus einer Predigt zur Verfügung stellt, die er 2023 in der Johanneskirche in Düsseldorf gehalten hat. 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Römer 1, 16 – 17)

Wer sich schämt, will in der Regel nicht gesehen und schon gar nicht angestarrt werden. 

Er würde am liebsten, wie wir sagen „im Erdboden versinken“ oder „sich in eine Ecke oder einem Mauseloch verkriechen“. Daran wird deutlich, dass wir uns mit etwas nicht identifizieren, es nicht als zu uns gehörig annehmen und anerkennen können oder wollen. 

Leichte Verlegenheit oder Fremdschämen bis hin zu tiefer Demütigung, Erniedrigung und Bloßstellung können zu schmerzlichen Erfahrungen werden.

Ein treffender Ausdruck dafür ist die Aussage, dass einem etwas peinlich ist. Sich schämen ist ein unangenehmes Gefühl, besonders wenn man sich vor anderen Menschen in einer peinlichen Situation befindet. Leichte Verlegenheit oder Fremdschämen bis hin zu tiefer Demütigung, Erniedrigung und Bloßstellung können zu schmerzlichen Erfahrungen werden. 

Sich schämen ist ein unangenehmes Gefühl
Foto: iStock/Jelena Stanojkovic

Doch nun zum Bibeltext, zu Paulus und seinem Bekenntnis: 

„Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“

Und direkt und konkret die Frage: Schäme ich mich (gelegentlich, häufig, immer) des Evangeliums? 

Wir werden uns diese Frage als Christen wohl stellen müssen. 

Darf ich mich als Christenmensch oder in meinem Beruf überhaupt des Evangeliums schämen?

Zumindest hat diese Frage etwas Verheißungsvolles: Sie leitet zur Aufrichtigkeit und zur schonungslosen Ehrlichkeit an. Woran kann ein Mensch bei sich erkennen, dass er sich des Evangeliums schämt?

Ich denke primär daran, wenn er schweigt, wo er reden müsste. Das können Situationen sein, in denen ein offenes Bekenntnis angesichts von Spott und verächtliches Reden über Gott und Glauben gefordert wäre. Ich denke aber auch an eine eindrückliche Aufforderung aus dem Buch der Sprüche: „Tu Deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“

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In manchen Situationen ist schon der Besuch einer Kirche und die Teilnahme am Gottesdienst ein Zeichen dafür, dass ein Mensch sich des Evangeliums nicht schämt. Ja, selbst eine so bescheidene Äußerung wie der Wunsch „Gottes Segen“ zum Geburtstag oder zu anderen Gelegenheiten ist heutzutage schon erwähnenswert und wird meiner Erfahrung nach nicht selten als ein wohltuendes kleines Glaubensbekenntnis angenommen.

Generell ist der freimütige Gebrauch des Wortes „Gott“ (und nicht nur das halb ernsthafte Reden vom lieben Gott) und vor allem des Namens „Jesus Christus“ außerhalb von gottesdienstlichen bzw. liturgischen Zusammenhängen für mich ein Zeichen dafür, dass ein Mensch sich des Evangeliums nicht schämt.

Das bedeutet konkret, dass wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten das Herz fassen, auch dort von Gott, von der Geschichte und dem Wirken Jesu Christi, vom Geist Gottes und dem christlichen Glauben zu reden, wo uns das peinlich ist, um mit diesem tastenden Reden Erfahrungen, hoffentlich ermutigende Erfahrungen, zu machen.

Wie gut, dass wir in Gestalt des Vaterunsers, der Psalmen und Gesangbuchlieder Texte haben, die wir in solchen Situationen nicht erfinden müssen, sondern verwenden und unter die wir uns stellen können.

Chorraum St. Margareta Düsseldorf
Evangeliar der Pfarrei St. Margareta in Düsseldorf
Foto: Achim Beiermann

Und es ist wirklich keine Katastrophe, wenn religiöse und theologische Sprachspiele fehlen. Vielmehr dürfen wir unsere Gesprächspartner fragen, welchen Glauben jemand hat, worauf vertraut er, was leitet ihn im Leben an und gibt ihm Halt?! 

Es kann sein, dass Menschen, die dann eine säkulare Sprache benutzen, genau das treffen und vermitteln, worum es im Christentum geht. Vielleicht ohne es zu wissen oder es zu wollen, die christlichen Werte und Deutungen transportieren und leben. Ich jedenfalls lerne viel, sehr viel aus solchen Begegnungen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!

2. Kor. 12,9

 „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ Paulus erklärt, dass wir uns des Evangeliums nicht zu schämen brauchen. Und er hat dafür eine klare Begründung: denn das Evangelium ist eine Gotteskraft, die wir zum Leben brauchen wie die Luft zum Atmen.

An der Stelle will ich auf ein Bibelwort hinweisen, das diese Kraftquelle des Evangeliums beschreiben hilft: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Kor. 12,9) Ich persönlich bin sehr froh über dieses Bibelwort. Warum? Das erfahren Sie an dieser Stelle in meinem nächsten Beitrag.

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