Ein neuer Reisepass

Pfarrer Jürgen Hoffmann

Jürgen Hoffmann ist Pfarrer der evangelischen Tersteegen-Kirchengemeinde in Düsseldorf. Ich freue mich, dass ich einen seiner spirituellen Impulse als monatlichen Beitrag für die Rubrik “An(ge)dacht” verwenden darf.

Heute morgen habe ich ihn beantragt: einen neuen Reisepass.

Als ich im Amt ankomme, sind die Warteräume bereits voll. Jeder hat hier sein persönliches Anliegen: Personalausweis, Führerschein oder eben Reisepass.

Der alte Pass ist längst abgelaufen. “Habe ich ihn überhaupt noch?” frage ich mich.

Er würde mir mit seinen Eintragungen und Stempeln einige meiner Lebensgeschichten erzählen:

Quer durch Europa mit Interrail, Fahrten in die ehemalige DDR mit Besuchen von Verwandten und Kirchengemeinden, Reisen nach Israel, ins Heilige Land.

Der neue Ausweis wird ein biometrischer sein, fälschungssicher mit Fingerabdrücken und eingescanntem Passfoto.

Ob ich ihn wirklich brauchen werde? Ich weiß es nicht. Aber schon eine Reise nach England ist ohne Reisepass nicht mehr möglich.

Der Reisepass öffnet Türen in andere Länder
Foto: Pixabay/webandi

Ich komme ins Nachdenken: Ein Reisepass ist wie ein Türöffner.

Ohne ihn bleibt der Zugang in viele Länder verschlossen.

Was würden manche Menschen für einen Reisepass geben? Für dieses Dokument, das einem die Ein- oder Durchreise zusichert, den Zutritt in ein anderes Land ermöglicht, einem das gute Gefühl gibt: Du bist ein freier Mensch. Du kannst dich frei bewegen. Du kannst reisen.

Wie viele, die als Flüchtlinge kommen und ihren Reisepass nicht mehr haben oder deren Pass einen Eintrag enthält, der es möglich macht, sie wieder auszuweisen und zurück in ihr Herkunftsland oder einen Erstaufnahmestaat zu schicken? Reisepässe können über das Schicksal eines Menschen entscheiden.

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Wieviele Menschen, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt werden – und das erste, was man ihnen nimmt, ist ihr Reisepass. Ohne Pass ist man in (fast) jedem Land schutzlos, ohne Identitätsnachweis.

Jetzt muss ich noch auf meinen Pass warten. Fünf bis sechs Wochen.

Aber was ist das schon gegen dieses Privileg, sich dann frei bewegen und reisen zu können?

Das ist ja durchaus keine Selbstverständlichkeit. Ob ich diesen Pass wirklich brauchen werde, weiß ich nicht. Aber ich bin dankbar dafür, dass man ihn in unserem Land so einfach bekommen kann.

Nach fünf Minuten ist die Anmeldung erledigt.

Jetzt warte ich – und ich wünschte, jeder Mensch könnte sich frei bewegen, könnte entscheiden, wohin er fahren und wo er bleiben möchte. Für viele Menschen wird das vermutlich ein Wunsch bleiben. Ein kleines Stück Papier oder eine Karte, die locker in ein Portemonnaie passt – und doch ein Türöffner für die Welt.

Welche Geschichten würde Ihr Reisepass erzählen?

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit!