Es ist Abend, als ich mich auf den Weg zur Johanneskirche in Düsseldorf mache. Dort wartet dieses Mal keine klassische Interviewsituation auf mich, kein stilles Büro und kein vorbereiteter Gesprächsraum. Stattdessen nehme ich an einer Chorprobe von Wolfgang Abendroth teil – mitten hinein in das musikalische Leben der größten evangelischen Kirche der Stadt.
Wolfgang Abendroth wurde 2002 zum Kantor und Organisten an der Johanneskirche berufen. Als künstlerischer Leiter der Johanneskantorei und des Düsseldorfer Kammerchores prägt er seit vielen Jahren das kirchenmusikalische Leben Düsseldorfs. Darüber hinaus koordiniert er als Kreiskantor die Zusammenarbeit der haupt- und nebenamtlichen Kirchenmusiker. 2022 wurde er von der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Kirchenmusikdirektor ernannt.
Zwischen „Brrrrr“ und großen Chorwerken
Als ich den Raum betrete, in dem tagsüber das rege Treiben des beliebten Kirchencafés herrscht, bin ich zunächst irritiert. Dicht gedrängt stehen dort etwa 60 oder 70 Menschen, die mich mit ihren mir zugewandten Rücken und einem langen „Brrrrrr“-Laut empfangen und anschließend auf und ab hüpfen. Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich versehentlich in der falschen Veranstaltung gelandet bin.
Schnell erfahre ich jedoch von Umstehenden, dass das alles durchaus seinen Sinn hat. Das „Brrrrr“ lockert nicht nur die Lippen, sondern entspannt durch die Vibration auch die Kiefermuskulatur. Das Hüpfen wiederum aktiviert den Körper, löst Verspannungen und bringt die Atmung in Schwung – wichtig nach einem langen Arbeitstag, wenn die Energie langsam nachlässt.
Erst jetzt entdecke ich Wolfgang Abendroth, der trotz seiner Größe von den singenden und hüpfenden Chormitgliedern beinahe verdeckt wurde. Er lächelt kurz herüber und unterbricht die Probe für einen Moment, um mich vorzustellen.
Danach steigen die Stimmen des Chores in lockerer Tonfolge immer weiter nach oben. Gerade als ich denke, höher könne es nun wirklich nicht mehr gehen, stürzt die Tonleiter plötzlich wieder in die Tiefe. Auch das eine Lockerungsübung.

Foto: Privat
Wolfgang Abendroth steht inzwischen am Flügel, spielt einige Takte an. Es wird still im Raum. Dann hebt er die Arme, gibt den Takt vor – und plötzlich erfüllt mehrstimmiger Chorgesang die Johanneskirche. Gesungen wird das „Jubilate“ von Charles Wood, dem irischen Komponisten, der 1866 geboren wurde und 1926 starb.
Die Konzentration im Raum ist beeindruckend. Trotzdem bleibt auch hier nichts einfach dem Zufall überlassen. Bei Takt 36 entsteht ein kurzer Missklang, Wolfgang Abendroth stoppt, korrigiert einige Passagen und setzt erneut an. Danach fügt sich alles wieder zusammen.
Es folgen weitere Werke: „Domino dilexi“ von Philip Lawson und anschließend „Mirabile Mysterium“ von Giovanni Paolo Cima. Mal fordert der Chorleiter mehr Fortissimo, mal arbeitet er an einzelnen Einsätzen. „Den richtigen Ton zu finden ist für den Bass heute eine Schwierigkeit!?“, sagt er schmunzelnd in Richtung der tiefen Stimmen. Einige Sänger nicken. Dann wird die Passage wiederholt – sie sitzt – und weiter geht es bis zur wohlverdienten Pause.
„Musik wird bei uns meistens selbst gemacht“
In der Pause habe ich Gelegenheit, Wolfgang Abendroth einige Fragen zu stellen. Zunächst interessiert mich, wie sein Weg zur Kirchenmusik begann.
„Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen“, erzählt er. „Und irgendwann nahm mein Vater mich einmal mit zu einer Orgel. Da war ich ungefähr zehn.“
Auch gesungen habe er schon früh, unter anderem im Domchor Osnabrück. Für die Orgel sei er damals eigentlich noch zu klein gewesen, erzählt er lachend. „Man kam ja gar nicht richtig an die Pedale.“
Trotzdem spielte er bereits als Jugendlicher in einer kleinen Kapelle in seinem Heimatdorf. Irgendwann wurde er gefragt, ob er auch Gottesdienste begleiten könne – und seitdem spielt er sonntags in Gottesdiensten. „Das heißt, ich habe schon sehr viele Predigten gehört“, sagt er schmunzelnd. „Sonntag für Sonntag für Sonntag.“
Außerdem habe er früh begonnen, einen kleinen Chor zu begleiten und so erste Erfahrungen als Chorleiter gesammelt. Ein Preis bei einem Jugendwettbewerb habe ihn schließlich zusätzlich bestärkt, Kirchenmusik zu studieren. „Alles Weitere entwickelte sich dann eigentlich ganz organisch.“
Da Wolfgang Abendroth Jahrgang 1978 ist, frage ich ihn, ob Künstler wie Madonna, Bon Jovi, Roxette oder Phil Collins musikalisch ebenfalls eine Rolle für ihn gespielt hätten.
Er lächelt. „Natürlich kenne ich diese Künstlerinnen und Künstler und auch viele ihrer Songs. Aber es ist nichts dabei, was mein Herz wirklich in Wallung bringt.“
Bei ihnen zu Hause werde Musik meistens selbst gemacht, erzählt er weiter. Viel elektronische Musik laufe dort eher nicht. „Wenn man selbst viel musiziert, braucht man manchmal auch einfach Stille und möchte sich nicht ständig berieseln lassen.“
Popmusik sei oft eng mit der Persönlichkeit eines Künstlers verbunden. In der klassischen Musik stehe dagegen stärker das Werk selbst im Mittelpunkt, das immer wieder neu interpretiert werden könne. „Das ist einfach eine andere Welt“, sagt er.
„Durch die Wiederholung geschieht etwas“
Nachdem ich an diesem Abend Wolfgang Abendroth als Chorleiter erlebt habe, interessiert mich besonders, was ihm bei der Arbeit mit Chören wichtig ist – musikalisch, aber auch menschlich und geistlich.
In seiner Antwort wird schnell deutlich, dass ihm der menschliche Aspekt besonders am Herzen liegt. „Ich versuche, für die Menschen verbindlich zu sein, die mir anvertraut sind. Für die meisten ist das Singen im Chor ein wichtiger Teil ihres Lebens, in den sie viel Zeit und Herzblut investieren.“
Musikalisch sieht er mehrere Ebenen in der kirchenmusikalischen Arbeit. Zum einen gebe es die liturgische Aufgabe: Musik im Gottesdienst, die über das hinausgeht, was eine Gemeinde allein leisten könne. Deshalb singe der Chor regelmäßig in großen und kleineren Gottesdiensten.
Darüber hinaus würden aber auch Werke aufgeführt, die außerhalb klassischer Gottesdienstmusik liegen. „Uns interessiert immer auch die Frage, was an weltlicher Musik vielleicht doch eine geistliche Dimension hat“, erklärt er.
Besonders spannend finde ich seine dritte Ebene: das Geistliche im Tun selbst. Viele Menschen wüssten gar nicht, wie intensiv sich Chorsängerinnen und –sänger mit den Texten auseinandersetzen. „Man singt solche Stücke zehn-, manchmal hundertfach“, sagt Wolfgang Abendroth. „Und dadurch verinnerlicht man diese Texte immer mehr. Auch wenn sie zunächst fremd wirken – durch die Wiederholung geschieht etwas. Das ist etwas ganz Besonderes.“

Foto: Achim Beiermann
Eine Weihnachtsgeschichte für heutige Jugendliche
Wolfgang Abendroth ist nicht nur Chorleiter und Kirchenmusiker, sondern auch erfolgreicher Komponist. Seine Musiktheaterstücke „O ihr Menschen!“ und „Paradise now!“ wurden mit großem Erfolg aufgeführt. Deshalb frage ich ihn natürlich nach seinem nächsten Projekt.
Sofort beginnt er zu strahlen. „Ja, man kann sogar schon Tickets kaufen“, sagt er begeistert.
Das neue Stück trägt den Titel „Christmas Tale“. Es sei eine Weihnachtsgeschichte, die den Fragen heutiger Jugendlicher Raum geben wolle. Thematisch gehe es unter anderem um Rollenbilder im Wandel, um Gottvertrauen und um die universelle Kraft der Liebe.
„Kraftvolle Engelschöre und Rhythmen der Straße holen das biblische Geschehen in die Gegenwart“, erklärt er. Gerade weil Jugendliche das Stück selbst sängen, hoffe man, neue Perspektiven eröffnen zu können. „Dass man nicht immer nur das hört, was man ohnehin schon kennt.“
Die Musik sei bereits fertig, die Proben mit den Jugendlichen würden nun beginnen. Den Text schrieb der Zeichner und Kinderbuchautor Martin Baltscheit.
Bevor die Pause endet, stelle ich Wolfgang Abendroth noch die Frage, die ich in all meinen Gesprächen stelle: „Wie würden Sie den Satz fortsetzen: Gebet ist für mich …?“
Er denkt kurz nach. Dann antwortet er sehr ruhig:
„Gebet ist für mich – ganz kurz gesagt: Halt.“
Und dann ergänzt er:
„Unsere körperliche Existenz ist zerbrechlich. Sie kann von einem Tag auf den anderen enden – bei uns selbst oder bei den Menschen, die wir lieben. Und dann braucht es Halt, damit man nicht zerbricht. Damit man nicht haltlos wird.“
Kurz darauf geht Wolfgang Abendroth zurück zum Flügel. Die Probe geht weiter. Als ich die Johanneskirche verlasse und musikalisch beseelt durch den Abend nach Hause gehe, klingt der Gesang des „Jubilate“ noch lange in mir nach.








