Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Römer 8,28
Vor einigen Jahren wandte sich eine Frau an mich, nachdem sie ihr ungeborenes Kind verloren hatte. Sie schrieb, dass sie nicht mehr an einen liebenden Gott glauben könne, nachdem sie dieser furchtbare Schicksalsschlag ereilt hat. Von daher sei sie auch nicht mehr in der Lage zu beten. Trotzdem war ihr das Gebet wohl wichtig, denn in ihrem Gebetsanliegen, das sie mir zugesandt hatte, bat sie mich, für ihr verstorbenes Kind zu beten, was ich auch tat.
Einige Monate später stieß ich zufällig auf das Bibelwort: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Ich musste plötzlich wieder an die werdende Mutter denken, die sich so auf ihr Kind gefreut hatte und der es von einem Augenblick auf den anderen genommen wurde, ohne dass es auch nur einen Atemzug in unserer Welt nehmen konnte.
Auch diese Frau liebte Gott – das konnte man ihrer E-Mail deutlich entnehmen. Zumindest bis zu dem Tag, an dem ihr Kind unter ihrem Herzen starb. Und ich fragte mich: Was soll diese Frau von einem solchen Bibelvers halten? Klingt das nicht wie Hohn?
Meint Paulus wirklich „alles“?
Ich glaube, dieser Vers gehört zu den Bibelstellen, die man leicht missverstehen kann. Denn oberflächlich gelesen könnte man meinen, Paulus wolle sagen: Alles, was geschieht, ist letztlich gut. Auch Krankheit. Auch Krieg. Auch der Tod eines Kindes.
Aber genau das kann ich nicht glauben. Ein Kind zu verlieren, ist nichts Gutes. Eine schwere Krankheit ist nichts Gutes. Verrat, Gewalt oder Missbrauch werden nicht dadurch gut, dass sie einem gläubigen Menschen widerfahren.
Ich bin deshalb überzeugt, dass Paulus etwas anderes sagen wollte. Er schreibt nicht, dass alle Dinge gut sind. Er schreibt vielmehr, dass Gott selbst aus dem, was geschieht, etwas Gutes wachsen lassen kann. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Gott ist kein Verursacher des Leids
Manchmal höre ich den Satz: „Das wird schon seinen Sinn gehabt haben.“ Ich weiß, dass er meist gut gemeint ist. Aber einem Menschen, der gerade einen schweren Verlust erlitten hat, hilft er selten weiter. Im Gegenteil: Er kann den Schmerz sogar noch vertiefen.
Denn wenn alles einen göttlichen Plan hätte, müsste man konsequenterweise auch sagen, Gott habe den Tod dieses Kindes gewollt. Diesen Gedanken halte ich weder für tröstlich noch für vereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes.
Der christliche Glaube verspricht uns kein Leben ohne Leid. Jesus selbst hat das nie getan. Er kennt Trauer, Schmerz und Verlassenheit aus eigener Erfahrung. Aber er verspricht etwas anderes: Dass Gott uns auch dort nicht verlässt, wo wir ihn kaum noch erkennen können. Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung dieses Bibelverses.
Hoffnung trotz allem
Wenn Paulus davon spricht, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, dann meint er aus meiner Sicht nicht den Augenblick des Leids. Im Schmerz selbst lässt sich oft nichts Gutes entdecken. Manchmal zeigt sich erst viele Jahre später, dass Menschen trotz einer schweren Erfahrung wieder Hoffnung gefunden haben. Manche entwickeln eine größere Sensibilität für das Leid anderer. Andere engagieren sich für Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Wieder andere finden einen neuen Zugang zum Glauben – gerade weil sie erfahren haben, dass Gott auch ihre dunkelsten Stunden ausgehalten hat.
Das macht das Leid nicht kleiner. Es rechtfertigt es auch nicht. Aber es zeigt, dass Leid nicht das letzte Wort behalten muss. Vielleicht beschreibt Paulus genau diese Hoffnung.
Seit der E-Mail dieser Mutter lese ich Römer 8,28 mit anderen Augen. Ich würde diesen Vers niemals einem Menschen sagen, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat. Dafür ist der Schmerz zu groß und die Wunde zu frisch. Aber vielleicht gewinnt dieser Satz mit etwas Abstand eine andere Bedeutung. Nicht als Erklärung für das Leid, sondern als leise Hoffnung, dass Gott selbst dort noch Wege kennt, wo wir längst keine mehr sehen.
An die Frau, die mir damals schrieb, denke ich bis heute. Ich weiß nicht, wie ihr weiterer Weg verlaufen ist. Ich hoffe nur, dass sie irgendwann wieder erfahren durfte, dass Gott nicht derjenige ist, der ihr das Kind genommen hat, sondern derjenige, der ihre Tränen gesehen hat.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Bibelverses. Nicht, dass alles gut ist. Sondern dass Gott auch aus dem Schwersten noch etwas Gutes wachsen lassen kann – manchmal erst lange Zeit später und oft auf eine Weise, die wir vorher niemals hätten erahnen können.








