Frau Dr. Annette Jantzen ist Theologin, Kirchenhistorikerin und betreibt den Blog „Gotteswort weiblich“. Darüber hinaus ist sie als gefragte Referentin, Predigerin und Leserin im deutschen Sprachraum unterwegs.
Ich freue mich, dass Frau Dr. Jantzen sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.
Frau Dr. Jantzen, auf Ihrem Blog „Gotteswort, weiblich“ legen Sie seit Jahren jeden Sonntag biblische Texte, Gebete und Gottesbilder aus einer weiblichen Perspektive aus. Wie entstand die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt – und was hat Sie dazu bewegt, diesen Weg eingeschlagen?
Annette Jantzen: Der Blog ist eine Frucht meiner damaligen Aufgabe als Frauenseelsorgerin in der Region Aachen. Einerseits war es da so, dass Anfragen an mich, wenn es nicht um Einzelseelsorge ging, inhaltlich nahezu ausschließlich Themen der Geschlechtergerechtigkeit betrafen. Und ich glaube, dass Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche so lange prekär bleibt, wie das Gottessymbol rein männlich vorgestellt wird.
Einer der Ursprungssätze der feministischen Theologie, von Mary Daly aus den 1960er Jahren, gilt hier immer noch: „Wenn Gott männlich ist, ist das Männliche Gott.“ Damit sich unsere Vorstellungen von Gott weiten können, braucht es eine weitere Rede von Gott, und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis der Liturgie. Das war der inhaltliche Anstoß für den Blog.
Und andererseits war ich zuständig für eine große Region und hatte für diese Aufgabe eine halbe Stelle zur Verfügung – wenn ich dort Gottesdienste geleitet habe, dann war das immer sehr punktuell. Das war dann der praktische Anstoß: Ich habe beides verbunden, den Bedarf nach geschlechterfairen Texten in der Liturgie und dass ich nicht überall zugleich sein kann.
Darum habe ich, damals auf den Webseiten des Bistums Aachen, in meinem Bereich der Frauenseelsorge Aachen, den Blog gestartet, der sich zuallererst an die Wort-Gottes-Feier-Leiterinnen in meiner Region gerichtet hat: Diese sollten dort für jeden Sonntag des Kirchenjahrs einen Text finden, den sie in der Wort-Gottes-Feier verwenden könnten. Mittlerweile arbeite ich nicht mehr beim Bistum Aachen, den Blog habe ich in allseitigem Einvernehmen mitgenommen.
Sie schreiben, dass die Rede von Gott „meistens rein männlich“ sei – sowohl grammatikalisch als auch in den Bildern, die wir mit Gott verbinden. Warum halten Sie das für ein theologisches Problem, und wie möchten Sie mit Ihrer Arbeit den Blick auf Gott erweitern?
Annette Jantzen: Der Umstand, dass wir von Gott männlich sprechen, sorgt dafür, dass männliche Vorherrschaft, männliche Normen unsichtbar bleiben, weil sie als normal gelten. Das Weibliche ist dann immer die Abweichung, das Sekundäre. Das schließt Frauen von der Erfahrung aus, das Eigene als gotteswürdig zu erleben. Das ist ein Aspekt.
Ein zweiter ist, dass unser Bild von Gott dadurch verengt wird. Angesichts der ungeheuren Größe der Schöpfung wäre es doch absurd, zu sagen, dass Gott richtig nur als „der Ewige“ anzusprechen sei, nicht auch als „die Ewige“.
Ein dritter Aspekt ist: Je weniger Bilder eine Gemeinschaft von Gott hat, desto eher läuft sie Gefahr, ihre Bilder von Gott mit Gottes Wirklichkeit selbst zu verwechseln.
Im Christentum ist das vielfach mit dem Vaterbild passiert: Gott wird so sehr mit diesem Bild identifiziert, dass Gott Vater ist. Dann wird es als falsch empfunden, von Gott auch als Mutter zu sprechen, oder als Freundin, wenn man bei den menschlichen Bildern bleiben will. Alles, was wir von Gott sagen, ist aber doch so weit weg von Gottes Wirklichkeit selbst.
Das ist eine ganz grundlegende Erkenntnis der Theologie: Was wir von Gott sagen können, ist immer weniger als das, was wir nicht sagen, nicht wissen können. Wenn wir uns also auf ganz wenige Bilder beschränken oder diese Bilder gar an die Stelle Gottes setzen – wie in „Gott ist Vater“ – dann wird aus dem Gottesbild ein Götzenbild.
Ihre Arbeit stößt auf große Zustimmung, aber sicher auch auf Widerspruch. Welche Kritik begegnet Ihnen am häufigsten?
Annette Jantzen: Eine sehr gängige Kritik ist „aber es gibt auch schlechte Mütter“. Die Erfahrung, dass es Frauen gibt, die als Mutter nicht gut für ihr Kind sorgen können, wird dann die Begründung dafür, dass das Gottesbild der Mutter auch problematisch sei.
Das wird bei Vätern in der Regel eingepreist. Mir persönlich sind alle familialen Bilder von Gott nicht nah, aber diese unterschiedliche Reaktion ist schon auffällig. Und dann gibt es noch häufiger mal die Forderung, dass ich selbst doch ausgeglichen von Gott sprechen solle, also männlich und weiblich. Das tue ich nicht – ich spreche von Gott meistens weiblich. Das Ausgleichen können ja andere machen. Meine Rede von Gott ist ja genauso Stückwerk wie alle andere auch.
Wie wichtig sind Ihnen dabei konkrete Veränderungen kirchlicher Strukturen? Fühlen Sie sich Initiativen wie Maria 2.0 oder dem Netzwerk Diakonat der Frau verbunden?
Annette Jantzen: Ich bin solidarisch mit diesen Initiativen, ich bin auch häufiger mit entsprechenden Gruppen unterwegs.
Ich wünsche der katholischen Kirche dringend eine ganz grundlegende Reform ihrer Strukturen, damit sie nicht in den Bereich des fundamentalistischen Sektierertums abrutscht. Diese Gefahr sehe ich durchaus, und das macht mir große Sorgen, auch angesichts der weltweiten rechtsextremen Bestrebungen, Gleichberechtigung und alle Antidiskriminierungsarbeit rückgängig zu machen.
Eine enge Auslegung des Glaubens, eine traditionalistische Engführung der Tradition können zu Scharnieren in den Rechtsextremismus werden und faschistisches Denken für konservative Gruppen akzeptabel machen. Die katholische Kirche müsste diese Gefahr als drängendes Problem behandeln – das sehe ich leider nicht. Dafür sind die angesprochenen Initiativen ganz wichtige prophetische Stimmen. Ich wünsche den Entscheidungsträgern, hier gut hinzuhören.
Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? „Gebet ist für mich …“
Annette Jantzen: Gebet ist für mich wie Atmen.
Ich danke für das Gespräch.
(Hinweis zu dem verwendeten Foto von Dr. Annette Jantzen: Die Bildrechte liegen bei Ute Haupts.)








