Was darf ich loslassen?

Loslassen

In diesen Tagen verändert sich draußen langsam das Bild. Die ersten Blätter verfärben sich, manche lösen sich bereits von den Bäumen und werden vom Wind über Wege und Straßen getrieben. Noch stehen die meisten Bäume dicht belaubt da, aber man kann schon ahnen, dass sich der Sommer seinem Ende nähert.

Ich finde es jedes Jahr aufs Neue erstaunlich, wie selbstverständlich ein Baum loslässt. Er versucht nicht, jedes einzelne Blatt festzuhalten. Er klammert sich nicht an das, was im Sommer so selbstverständlich zu ihm gehört hat. Wenn die Zeit gekommen ist, lässt er es fallen.

Wir Menschen tun uns damit manchmal deutlich schwerer. Wir halten an Dingen fest, die längst vergangen sind. An einer Enttäuschung, die uns noch immer beschäftigt. An einem Streit, den wir gedanklich immer wieder führen. An einer Schuld, die wir uns selbst nicht vergeben können. An einer Beziehung, die längst zerbrochen ist. Oder an der Vorstellung, dass unser Leben eigentlich ganz anders hätte verlaufen sollen.

Vielleicht wäre der beginnende Herbst deshalb ein guter Anlass, uns einmal zu fragen: Was trage ich eigentlich noch mit mir herum, obwohl ich es längst loslassen könnte?

Loslassen heißt nicht, dass es bedeutungslos war

Dabei ist Loslassen nicht dasselbe wie Vergessen. Ein Blatt, das vom Baum fällt, hat seine Aufgabe nicht verfehlt. Es hat den Baum durch den Frühling und den Sommer begleitet. Es hat Licht aufgenommen und zum Leben des Baumes beigetragen. Jetzt wird es nicht mehr gebraucht.

Vielleicht können wir auch auf manche Dinge in unserem eigenen Leben so schauen. Nicht alles, was wir loslassen, war schlecht. Manche Menschen waren uns wichtig und sind es vielleicht trotz einer Trennung noch. Manche Erfahrungen haben uns geprägt. Manche Fehler können wir nicht ungeschehen machen. Und manche Verletzungen werden vermutlich immer ein Teil unserer Geschichte bleiben.

Aber ein Teil unserer Geschichte muss nicht zwangsläufig unser ganzes weiteres Leben bestimmen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem der Glaube ins Spiel kommt. Loslassen kann auch bedeuten, etwas nicht mehr ausschließlich selbst tragen zu wollen. Eine Sorge abzugeben. Eine Schuld Gott hinzuhalten. Einen Menschen, den wir nicht mehr erreichen können, seiner Fürsorge anzuvertrauen. Oder einfach zu sagen: Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber ich muss nicht alles selbst festhalten.

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Vertrauen auf den nächsten Frühling

Wenn im Winter die Bäume kahl dastehen, könnte man beinahe glauben, in ihnen sei kein Leben mehr. Doch unter der scheinbar leblosen Oberfläche geschieht etwas. Der Baum ruht, sammelt Kräfte und wartet auf eine Zeit, die er selbst nicht herbeiführen kann. Und irgendwann, wenn der Frühling kommt, zeigen sich die ersten Knospen.

Vielleicht ist das auch ein schönes Bild für unser Leben. Nicht jede Phase, in der scheinbar nichts geschieht, ist eine verlorene Zeit. Nicht jeder Abschied ist das Ende. Und nicht alles, was wir loslassen, bleibt für immer leer.

Wir wissen allerdings nicht, wann unser persönlicher Frühling kommt. Das macht das Loslassen so schwierig. Wir würden gerne erst wissen, was danach kommt, bevor wir etwas aus der Hand geben. Der Baum kann das nicht. Und vielleicht müssen auch wir manchmal lernen, ein wenig Vertrauen zu wagen.

Vielleicht gibt es in unserem Leben gerade etwas, das wir nicht länger festhalten müssen. Eine Sorge oder eine alte Verletzung. Vielleicht einen Vorwurf oder eine Schuld. Eine enttäuschte Erwartung.

Vielleicht darf es fallen. Nicht, weil es keine Bedeutung hatte. Sondern weil wir darauf vertrauen dürfen, dass unser Leben nicht dort endet, wo wir etwas loslassen.

Und vielleicht beginnt genau dort schon etwas Neues.

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