Warum beten Menschen? Und was tun sie dabei?

Roman Massold

Roman Massold studiert Evangelische Theologie. Ich freue mich, dass Herr Massold sich bereit erklärt hat, den aktuellen Beitrag für die Rubrik “Angedacht” zu schreiben.

Warum beten Menschen? Und was tun sie dabei?

Weltweit beten Menschen in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen. Weltumspannend wird tagtäglich millionenfach gebetet. Die Gläubigen tun oft etwas zusätzlich beim Beten: Sie zünden beispielsweise eine Kerze an, beten einen Psalm, singen ein Lied oder gehen auf eine Wallfahrt. Gebet kann aber auch rein meditierend geschehen, sozusagen im Stillsein. Es gibt auch Menschen, die für sich beten lassen, da sie es selbst aus persönlichen Gründen nicht mehr können. Auch Atheisten sprechen schon mal ein Stoßgebet aus, wenn sie sich etwas sehnlichst wünschen oder in eine brenzlige Situation geraten sind. Doch das Beten zum Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, ist für sie eher ein Rätsel. Sie fragen sich: Warum tun es die Christen? Warum lesen sie in ihrer Bibel? Warum loben sie ihren Gott?

Was passiert also bei diesem inneren Akt, wenn ein Gebet vollzogen wird?
Scheinbar existiert da irgendeine Ahnung bei den Gläubigen, bloß welcher Art?
Wir Menschen verstehen nicht alles, was um uns herum geschieht. Rational denkende Menschen tun sich aber schwer mit dieser Vorstellung, denn sie wollen unbedingt für alles eine Erklärung haben. Es gibt da aber Geschehnisse, die sich nicht so einfach rein rational erklären lassen, es ist das sogenannte Geheimnis des Glaubens – ein Mysterium(altgr.: μυστήριον). Vor allem Menschen, die mit Gott in Beziehung leben, haben eine gewisse Grundahnung, dass es da etwas Verborgenes gibt, das sie nicht rein rational erklären können. Es ist eine Lebensweisheit, wenn ich als Gläubiger weiß: Ich habe nicht alles in meiner Hand. Und es ist aber auch okay, wenn Atheisten zu sich sagen: „Ich muss nicht alles rational verstehen und lebe einfach mein Leben – basta!“ Das Problem ist nur, dass man dann bestimmte Lebenssituationen nicht gut aushalten kann. Gerade in der Corona-Pandemie konnte man gut feststellen, dass die Google Suchmaschine vom Stichwort pray regelrecht überrollt wurde. Eine Grundhaltung bei spirituellen Menschen ist: Sie haben Sehnsüchte, wollen nicht alles unbedingt erklären und schon gar nicht in ihrem Leben kontrollieren – sie haben schlicht und einfach Gottvertrauen!

Es stellt sich nun die Frage: Wen oder was genau kann der Mensch nicht kontrollieren? Zum einen lassen wir uns selbst nicht gerne kontrollieren – wir bleiben ein Rätsel für andere. Aber auch Gott – unser Ebenbild – ist uns ein Rätsel. Genau diese Vorstellung hatte auch das Volk Israel in biblischer Zeit, die bis heute und alle Tage gilt: Wir können den verborgenen Gott nicht bis zum Ende begreifen, warum er so Manches in der Welt zulässt. Wir Menschen personifizieren ihn oder verbinden ihn mit einem Heiligen Geist. Das Ganze spitzt sich dann zu – nimmt richtig Fahrt auf – mit dem gekreuzigten Jesus von Nazareth. Er – ein Wanderprediger – war zu seiner Zeit ein absoluter Revoluzzer gewesen, ein Erneuerer, der bis heute in seinen Jüngern lebt, regiert und sein Reich Gottes mit ihnen gemeinsam in dieser Welt ausbaut.

Doch was passiert eigentlich mit dem Menschen, wenn er betet? Und was sagte einst Jesus über das Beten? Seine Aussage dazu ist verwunderlich! Eines Tages kamen seine Jünger zu ihm und baten ihn, er möge sie lehren zu beten. Im Evangelium nach Matthäus sagt Jesus:
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn weg. Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten. Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Heiden; denn sie meinen, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden. Seid ihnen nun nicht gleich! Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet.“ (Mt 6,5-8)

Diese Frage – wo wir beten – mag für uns heute vielleicht unwichtig sein, denn es kann ja schließlich überall geschehen. Doch warum sagt Jesus: Geh in dein Zimmer, wo dich keiner sieht? Was ist seine Pointe? Jesus sagt nämlich an einer anderen Bibelstelle: Vater unser. Demnach ist neben dem Beten allein auch ein Gebet in der Gemeinschaft im Tempel bzw. der Kirche wichtig. Aber hier, im Matthäus 6, sagt Jesus ganz klar: Dein Vater. Es geht ihm also offensichtlich um etwas anderes. Im Verborgenen sieht dich dein Vater, sagt Jesus. Gebet ist demnach: Ein Zurückkommen zu dem, der auf dich wartet – eine fundamentale Bedeutung! Gott ist also kein Mysterium. Gott sieht dich, mich, alle seine Ebenbilder – wunderbar passend zur Jahreslosung 2023:

Ebenfalls lesenswert
Von Angesicht zu Angesicht

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Genesis 16,13)

Alle Menschen haben das Bedürfnis, gesehen und erhört zu werden. Gläubige verspüren zudem eine Sehnsucht, das eigene Leben jemandem oder etwas zu widmen und sich hinzugeben, im katholischen Sinn zu weihen. Wenn wir beten, widmen wir unser Leben Gott. Eine der ältesten Formen eines Gebets ist die Opferdarbringung. In Jerusalem – im Zentrum des monotheistischen Glaubens – brachte einst das Volk Israel ihrem Gott namens Jahwe (hebr.: יהוה) vor dem Tempel Brand- und Speisopfer. Dieser Ritus ist uns heute im Westen eher fremd, nicht aber im asiatischen Raum, wo im Tempel nach wie vor eine bestimmte Opfergabe den Göttern gebracht wird. Durch Opfer unterschiedlicher Art und sei es das geweihte Priestertum, wollen Menschen eine Beziehung zum Göttlichen herstellen. Einige Religionen in der Welt haben sogar eine Vorstellung von gewisser Magie, d.h. wenn sie ein bestimmtes Ritual im Glauben vollziehen, dann meinen sie, dass sie das, was sie sich wünschen zu bekommen, auch erhalten werden. Im Vergleich dazu ist diese Vorstellung vom magischen Beten im Judentum und Christentum nicht gegeben.

Was tun wir Menschen also nicht alles, um gesehen zu werden? Ganze moderne Industrien leben regelrecht davon, dass wir gesehen werden wollen. So funktionieren auch Medien und vor allem die sozialen Netzwerke wie Twitter, Instagram, TikTok, YouTube, WhatsApp, Facebook & Co., wie uns bekannt ist. Menschen kaufen sich gar Luxusartikel, schnellere Autos, um regelrecht aufzufallen, sie genießen dieses kurze Gefühl der Aufmerksamkeit. Denn die andere Vorstellung, wenn niemand einen sieht, kann eine schlimme Vorstellung sein. Eine der Thesen ist: Kinder sind verwoben in Beziehungen, sind Zweierwesen. Babys können von sich also nicht sagen, dass sie Individuen sind, sie reagieren einfach auf ein Lächeln des Gegenübers zurück. Babys freuen sich, dass da jemand ist. Wir Menschen kommen auf diese Welt und bauen Beziehungen auf, wir wollen sehen und gesehen bzw. zumindest wahrgenommen werden – da entsteht eine Identität! Deshalb ist die Frage, ob mich jemand sieht, so elementar. Wenn Kinder sich nicht gesehen fühlen, ist es für sie einfach furchtbar. So können Verhaltensstörungen entstehen. Auf gewisse Weise lässt es sich in der biblischen Geschichte von Kain und Abel gut beobachten, was passieren kann, wenn Menschen sich nicht gesehen fühlen. Da heißt es:

„Und es geschah nach einiger Zeit, da brachte Kain von den Früchten des Ackerbodens dem Herrn eine Opfergabe. Und Abel, auch er brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr blickte auf Abel und auf seine Opfergabe; aber auf Kain und seine Opfergabe blickte er nicht. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Gesicht senkte sich.“
(Genesis 4,3-5)

Am Ende lässt sich sagen: Menschen beten, um den Blick Gottes zu empfangen, selbst wenn wir es auch im Verborgenen – im Zimmer – tun. Darum tun wir es also. Unser eigener Blick kann dabei schon mal irgendwo anders im Raum sein, d.h. wir können gedanklich abgelenkt sein. Das Gebet beginnt aber erst da, wo ich den Blick Gottes erwidere. Jesus sagt, dass dieser Blick im Verborgenen auf mich bereits wartet, aber es liegt auch an mir selbst, diesen Blick zu erwidern. Ich kann ihn also auch lenken, um den Dank Gottes empfangen zu können. Das heißt aber nicht, dass Gott uns mit materiellen Dingen dankt, sondern allein sein Blick ist unser Lohn, den wir empfangen. Denn wenn ich das Gefühl bekomme, dass mich niemand wahrnimmt, mich niemand in meiner Lage sieht, mich nicht in meinem Inneren versteht – blickt zumindest Gott in Jesus auf mich. Und das ist nichts Geringes, sondern kann mir heilende Kräfte verleihen, Zuversicht schenken, Geborgenheit und Trost spenden – mein täglich Brot! Sein Blick trägt mich durch alle Zeiten, auch durch schwere und ungewisse, darauf kann ich immer wieder vertrauen und bauen – Gott sei gedankt! Es kann also eine elementare Lebensfrage für mich sein.

Zum Abschluss bete ich mit den wunderbaren Worten des Psalms 23 und wünsche Ihnen Gottes reichen Segen! Dass Sie vom Geheimnis des Glaubens gesehen und berührt werden.
Der HERR ist mein Hirte.
Mir fehlt es an nichts.
Die Weiden sind saftig grün.
Hier lässt er mich ruhig lagern.
Er leitet mich zu kühlen Wasserstellen.
Dort erfrischt er meine Seele.
Er führt mich gerecht durchs Leben.
Dafür steht er mit seinem Namen ein.
Und muss ich durch ein finsteres Tal,
fürchte ich keine Gefahr.
Denn du bist an meiner Seite!
Dein Stock und dein Stab
schützen und trösten mich.
Du deckst für mich einen Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haar mit duftendem Öl
und füllst mir den Becher bis zum Rand.
Nichts als Liebe und Güte begleiten mich
alle Tage meines Lebens.
Mein Platz ist im Haus des HERRN.
Dorthin werde ich zurückgehen –
mein ganzes Leben lang!
Amén.