Martin Thoms ist Theologe, Prediger, Autor und Dozent. Er bietet auf seiner Website Onlinekurse zu grundlegenden Fragen des Glaubens an und beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der Frage nach der Theodizee, also der Frage, wie ein gütiger und allmächtiger Gott das Leid zulassen kann.
Diese Frage stellt eine der Grundfragen der Menschheit dar und die Theologie hat sich immer wieder neu mit dieser Frage beschäftigt, um gläubigen Menschen eine mögliche Antwort auf diese Frage zu geben.
Der gläubige Mensch, dem Schlimmes widerfährt, kann sowohl die Nähe Gottes erfahren (im Sinne von: Not lehrt Beten) als auch seine völlige Abwesenheit, da er auf sein Gebet hin keine Antwort bzw. Hilfe erfährt.
Die Frage nach der Kraft des Gebetes und der Gebetserhörung spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Dies erfahre ich regelmäßig durch Mails meiner Leserinnen und Leser, die mir oft die Frage stellen: Warum erhört Gott mich nicht? Ich denke dabei insbesondere an eine junge Frau, die ihr ungeborenes Kind verlor. Sie schrieb mir: „Ich kann nach diesem schweren Schicksalsschlag nicht mehr zu Gott beten!“ – und bat mich dennoch für sie und ihr verstorbenes Kind zu beten. Von daher bin ich besonders dankbar, dass Martin Thoms sich bereit erklärt hat, meine Fragen zu diesem schwierigen Thema zu beantworten.
Frage: Was war für Sie persönlich der Auslöser, sich so intensiv mit der Frage nach Leid und Gottes Güte zu beschäftigen?
Martin Thoms: Der Auslöser war, dass ich eine überraschend neue Antwort entdeckt habe. Das heißt: Ich habe mir die Frage nach Gott und dem Leid nicht aktiv gestellt, sondern bin einer Antwort begegnet, die auf einmal so viel Sinn ergab, dass sie in mir rückwirkend überhaupt erst die große Frage ausgelöst hat. Ich habe mich damals intensiv gefragt: „Warum musste Jesus eigentlich sterben?“
Die mir bekannten Antworten trugen nicht mehr: „Jesus stirbt stellvertretend, damit du nicht sterben musst.“ – „Er trägt deine Strafe.“ Solche Deutungen erschienen mir zunehmend unvereinbar mit der Liebe Gottes und dem Geist der Bibel. Dann stieß ich auf Jürgen Moltmann und sein Buch Der Gekreuzigte Gott. Darin beschreibt er das Kreuz als Offenbarung der Solidarität Gottes mit allen Leidenden. Diese Sicht hat mich tief berührt und theologisch aufgerüttelt. Im Anschluss daran habe ich selbst ein Buch geschrieben: Der gottverlassene Gott (Münster 2023). Darin deute ich das Kreuz als Gottes eigene Antwort auf das Leid der Welt.
Frage: Zu Ihren Schwerpunktthemen zählt die Frage: „Warum lässt Gott Leid zu?“. Die Religion und die Philosophie hat sich mit dieser Frage immer wieder neu beschäftigt. Können Sie mögliche Antworten auf diese Frage darstellen?
Martin Thoms: Eine später als falsche Lehre verurteilte, heute jedoch noch weit verbreitete Antwort auf das Leid war und ist es, das Leid einem dualistischen Gegenprinzip – einem Gegengott oder Satan – zuzuschreiben. Alles Leid käme demnach von diesem „Gegengott“. Doch die gesamte Bibel steht dieser Vorstellung entgegen, denn sie macht deutlich: Es gibt nur einen Gott. Eine andere Antwort versucht deshalb, das Leid direkt Gott selbst zuzuschreiben – als Bestandteil eines höheren Planes. Doch auch diese Deutung überzeugt nicht, weil sie aus Gott einen Komplizen des Grauens macht, einen Gott, der bereit wäre, Gewalt und Folter für einen höheren Zweck zu taufen.
Andere haben darum versucht, das Leid als Teil der guten Weltordnung Gottes zu verstehen. Wo Fortschritt und Entfaltung möglich sind, da ist auch Leid als notwendiges „Abfallprodukt“ denkbar. In der Prozesstheologie etwa heißt es: Je genussfähiger ein Lebewesen, desto leidensfähiger ist es zugleich – ein Stein kann weder genießen noch leiden, ein Mensch dagegen beides in hohem Maße.
Genussfähigkeit und Leidensfähigkeit gibt es also nur im Doppelpack. Doch auch hier bleibt die Frage offen, warum das Leid in unserer Welt tatsächlich aktualisiert wird. Und wie soll am Ende wirklich alles Leid überwunden werden, wenn es immer schon Teil einer guten Ordnung ist? Eine weitere Antwort führt das Leid auf den freien Willen des Menschen zurück. Doch auch diese Erklärung greift zu kurz, denn ein großer Teil des Leids ist eben nicht auf menschliches Verschulden zurückzuführen – Genmutationen, Krankheiten oder Naturkatastrophen zum Beispiel.
Frage: Welche Hoffnung können Sie Menschen zusprechen, die gerade mitten im Leid stehen und keine Spur von Gottes Nähe erkennen?
Martin Thoms: Das Leid kommt nicht von Gott. Aber mitten im Leid kommt Gott. Am Kreuz offenbart er sich als der Leidende, der selbst die Frage der Menschheit herausschreit: „Gott, wo bist du? Warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Gott steht auf der Seite der Leidenden gegen Gott. selbst, wie wir ihn uns oft zurechtlegen. Gott zeigt sich am Kreuz nicht primär als der Adressat der Theodizeefrage, sondern als derjenige, der diese Frage selbst stellt.
Darum ist der Schrei nach Gott immer schon ein Schrei Gottes. Als ich das einer Konfirmandin einmal sagte, schaute sie mich mit großen Augen an und meinte: „Wenn das wirklich so ist, dann ist ja wirklich alles anders – dann ist er ja auch bei mir.“ Gott steckt in jeder Träne. Gott leidet in jedem Leid. Jede „rechtfertigende“ Antwort auf Ursprung oder Sinn des Leidens hat das Leid nur vergrößert. Gott rechtfertigt das Leid nicht – er kniet sich hinein. Und die biblische Hoffnung lautet: Am Ende werden alle Tränen abgewischt, und es wird kein Leid mehr geben (Offb 21).
Frage: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema „Gebet“ und „Gebetserhörung“?
Martin Thoms: Im christlichen Glauben gibt es eine ganz zentrale Gebetsform mit nachweislich therapeutischem Charakter, die gerade im Leid entsteht und genau darauf eingeht: die Klage. Etwa ein Drittel der biblischen Gebete in den Psalmen sind Klagegebete. Ohne die Klage wird das eigene Gebetsleben einseitig und wirklichkeitsfremd, weil das Leid dann keinen Raum bekommt und keine Sprache findet.
In der Klage bekommt mein Leid einen Ausdruck, es hebt sich förmlich gen Himmel. Eine Gebetserhörung besteht dann nicht zwingend darin, dass sich äußere Umstände ändern, sondern darin, dass ich in der Klage spüre: Ich bin nicht allein – und war es nie. Denn der gekreuzigte Gott weint an meiner Seite. Wer klagt, stimmt ein in den Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz.
Frage: Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich …”
Martin Thoms: Gebet ist für mich eine Sehschule des Herzens, in der ich lerne, Gottes Gegenwart in allem, was geschieht, wahrzunehmen.








