Ostern heißt sagen, woran du glaubst!

Pfarrer Dr. Uwe Vetter Karfreitagsschweigen

Kurz vor dem Morgengrauen, sagt man, sei die Finsternis am tiefsten. Am schwarzen Freitag die Kreuzigung, am Samstag Totenstille. Das erste Christentum war gestorben, am Kreuz. Die Jesusgemeinschaft hatte sich aufgelöst. Verkrochen. Es gab ja auch nichts mehr zu sagen. Man muss wissen, wann man verloren hat. Der Christusglaube war zum Schweigen gebracht.

Das Schweigen, das wir kennen

Karfreitagsschweigen. Niemand spricht mehr von diesem Jesus. Fast wie bei uns heute. Kaum einer spricht von seinem Glauben. Nicht, dass es diesen Glauben nicht mehr gäbe. Ganz viele wissen sich beschützt, geführt, gesegnet, und beten sogar täglich. Aber heimlich, wenn’s keiner mitkriegt. Gesagt wird nichts mehr. Keiner sagt was in der Schulklasse, kein Tischgebet auf Familienfeiern. Niemand widerspricht, wenn im Kollegenkreis abgelästert wird – man meidet die losen Sprüche, die stereotype Kirchenverachtung. Nein, ich sag lieber nichts.

Was niemand auf der Liste hatte

Karfreitagsschweigen, genau so begann alles. Glaube, zu Grabe getragen und weggeschafft hinter einem tonnenschweren Rollstein. Eine Totenwache gab es. Und ein gewisses Pflichtgefühl gab’s noch: Man kann den Leichnam Jesu doch nicht einfach so liegen lassen! Lasst uns noch einen letzten Dienst erweisen. Die beiden Marien gehen zum Grab, zum Einbalsamieren eines Toten. Kurz vor dem Morgengrauen ist die Nacht am dunkelsten.

Was dann entdeckt wurde, hatte niemand auf der Liste. Das hatte niemand gehofft, keiner, nicht mal die frommsten Träumer. Es wird hell. Und im ersten Licht bemerken sie: Irgendwas ist passiert! Die Auferstehung der Kirche begann mit zwei Frauen, die beide Maria heißen. Und was die beiden Marien sehen, bringt die stumme Kirche wieder zum Reden.

Als der Shabbath vorüber war und der Sonntag anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, ein schweres Erdbeben setzte ein, denn des HERRN Bote kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Türstein weg und setzte sich drauf. Was man sah, war grell wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen bebten vor Furcht vor ihm und wurden starr wie Tote.

Was uns zum Reden bringt

Ostern war keine Geschäftsidee einer Werbeagentur. Es war nicht Ergebnis von Marktforschung und keine Start-up-Idee von jungen Kreativen. Was die Totenstarre löst, ist nicht unser Ding, es ist durch und durch Gottes Werk. Gott macht etwas, das Menschen erschüttert. Das sie beben lässt. Das wanken macht, was sie fürs Unumstößlich halten. Gott rüttelt aus dem Karfreitagskoma.

Zuerst ist die Osterbotschaft nicht mehr als eine Kurzpredigt. Einer, den sie Boten-des-HERRN nennen, spricht es aus: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Die erste Osterpredigt schlägt ein wie ein Blitz. Den Frauen auf dem Friedhof flattern die Nerven. Da wandte sich der Bote den Frauen zu und sprach: „Ihr sucht einen Toten – Jesus, den Gekreuzigten, ich weiß; er ist nicht hier, er ist auferweckt, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stelle, wo der Herr gelegen hat. Nun geht rasch und sagt seinen Jüngern weiter, dass er auferweckt worden ist von den Toten …“ Da verließen die beiden Marien rasch die Grabstätte mit Furcht und großer Freude, und sie rannten, um es seinen Jüngern weiterzusagen.

Was bringt uns zum Reden? Etwas Erlösendes muss passieren: Vor ein paar Jahren blieb die Londoner U-Bahn zwischen zwei Stationen stecken. Stromausfall. Zweieinhalb Stunden standen die Leute in der morgendlichen Rush Hour dicht gedrängt in der Tunnelröhre ohne Licht, ohne Lüftung. Als Helfer dann endlich die Türen aufbrachen und die Leute erschöpft auf die Straße geleitet wurden, musste jeder irgendwen anrufen: „Don’t worry, I’m fine, I’m fine!“

Was bringt uns zum Reden? Etwas Überwältigendes muss passieren: „Wir sind Großeltern!“ – und sofort das erste Foto vom Enkel an alle Welt versenden. Es gibt Sachen, die kann man nicht für sich behalten. „Wir sind Weltmeister!“ – jeder hatte es am Fernseher selbst verfolgt, und doch brach nach Spielende fast das Telefonnetz zusammen. Hast du das gesehen?!

Wenn etwas Erlösendes geschieht, wenn etwas überwältigend Herrliches passiert, dann braucht es wen, dem man um den Hals fallen kann. Egal wie der das findet. Egal wie blöd das aussieht. Da verließen die beiden Marien rasch die Grabstätte mit Furcht und großer Freude, und sie rannten, um es seinen Jüngern weiterzusagen.

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Wer losgeht, dem läuft er über den Weg

Und nun schauen Sie, was noch passiert, während die Marien losziehen, um zu erzählen: Als sie losgehen, um von Ostern weiterzusagen, passiert ihnen etwas. Christen in aller Welt kennen das aus eigener Erfahrung. Wenn man, von Gott mit einer Mission betraut, losgeht es weiterzusagen, dann läuft einem der Auferstandene über den Weg. Der Christus begegnet einem, wenn man losgeht. … als Maria Magdalena und die andre Maria losliefen, um seinen Jüngern von ihm weiterzusagen, siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: „Chairete! Seid gegrüßt!“ Und sie fielen auf die Knie und verneigten sich zu seinen Füßen. Da sprach Jesus zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern weiter, dass sie … mich sehen.“

Vor etwa sechs Wochen saß so eine ›andere Maria‹ in meinem Büro in der Hochschule in Hongkong. Auf der Stuhlkante saß sie, mir schräg gegenüber. Marian K. hieß sie, eine Chinesin aus Guangdong. Da saß sie und es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie war überhaupt nicht zu stoppen, konnte nicht an sich halten. Wieder und wieder berichtete sie von den erschütternden Details einer Lebenskrise vor fünf Jahren, wie sie ihre Ehe begraben musste und alles zu Ende war. Und dann, wie der Himmel sie aus dieser Grabeshöhle rausgeholt hatte, wie ihr neues Leben begann.

Marian entspricht nicht dem Klischee einer hinterwäldlerischen Frömmlerin. Selbstbewusst und eloquent, elegant und gewandt in vier Fremdsprachen war sie jahrelang CEO einer der weltgrößten Werbeagenturen. Sie weiß, wie man perfekt präsentiert. Aber diesmal verkauft sie nichts. Sie teilt ein Erlebnis. Sie erzählt, wie sie Gott kennengelernt hat, an ihrem persönlichen Karfreitag; wie der Blitz eingeschlagen hat, in ihrer dunkelsten Stunde. „Ich möchte meine Erfahrung mit Gott weitererzählen. Ich möchte anderen Mut machen. Ich möchte sagen: Hinter dem Grabstein ist Licht!“

Als sie einen Moment nachatmen muss, sage ich schnell: „In Deutschland würden Sie sehr auffallen. Wir erzählen nicht von Gotteserfahrungen. Niemand sagt anderen, was er mit Gott erlebt hat. Man ist dankbar, aber heimlich.“ Maria starrt mich ungläubig an: „Im Ernst?“ fragt sie. „… für sich behalten – das ist doch Verschwendung! Mein Dank ist, dass ich erzähle, vielleicht hilft es anderen, die am Boden liegen.“

Während sie redet, lerne ich eine Osterlektion. Christlicher Glaube ist mehr als Nächstenliebe, Zehn Gebote und Wertschätzung christlicher Werte. Christlicher Glaube ist Fassungslosigkeit über etwas unglaublich Gutes, was einem widerfährt. Was man nicht für sich behalten kann. Ostern heißt, die Sprache wiederfinden.

Die Stimme wiederfinden – und losgehen

So wie diese ›andere Maria‹ in meinem Büro redeten die biblischen Frauen, als sie vom Grab nach Hause kamen. Genauso redeten die Jünger anschließend auch. Und die 500 Jünger redeten so, nachdem der Auferstandene sie im Gottesdienst aufgesucht hatte. Alle redeten so, einfach nicht zu bremsen. Niemand konnte an sich halten, sie mussten es einfach mit anderen teilen. Christentum ist Ende des Karfreitagsschweigens, Rausplatzen, egal wie eigenartig das für andere klingen mag.

„Geht und sagt meinen Brüdern weiter, damit sie … mich sehen.“ Das muss wieder erlaubt sein in unserer Kirche. Das muss wieder möglich sein. Das muss wieder gelernt werden: dass gläubige Christen aus sich herausgehen und mit anderen teilen, was ihnen selbst von Gott widerfahren ist, damit die anderen es sehen. Es gibt Menschen da draußen, die nur darauf warten, dass Christenmenschen endlich ihre Stimme wiederfinden, ihre Mission spüren, und gehen und weitererzählen. Damit dieses Sterben ein Ende hat.

Der HERR ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

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