„Die Tiere gehören dazu“ – Plädoyer für eine theologische Tierethik

Dr. Rainer Hagencord Tierethik

Dr. Rainer Hagencord ist Theologe und Biologe sowie Gründer und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie (ITZ) in Münster. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine christlich geprägte Tierethik ein und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer spirituellen Sicht auf die Verbundenheit aller Geschöpfe.

Herr Dr. Hagencord, Sie verbinden Theologie und Biologie in Ihrem Denken. Wie kam es dazu?

Dr. Rainer Hagencord: Das ist eine spannende Geschichte. Nach dem Abitur habe ich zunächst Theologie studiert und wurde später zum Priester geweiht. Ich arbeitete einige Jahre in der Gemeinde, bis mir der Bischof die Möglichkeit gab, zusätzlich Biologie und Philosophie zu studieren. Für mich war klar: Die Beschäftigung mit Natur und Tieren ist ebenso wesentlich wie die Frage nach Spiritualität und Glauben.

Während meines Biologiestudiums habe ich die Theologie noch einmal ganz neu entdeckt – und bin zugleich politischer geworden. Denn schon in den 1980er-Jahren sprach man in den Kirchen viel von der „Bewahrung der Schöpfung“. Doch mir fiel auf: Die Tiere – und besonders die sogenannten Nutztiere – kamen darin praktisch nicht vor.

Das hat mich dazu gebracht, beide Disziplinen miteinander zu verbinden und auch meine eigene Spiritualität grundlegend zu erneuern.

In vielen Kirchengemeinden spielt das Thema „Tiere“ kaum eine Rolle. Besonders sichtbar wird das auf Pfarrfesten mit Grillstand oder auf Speiseplänen kirchlicher Einrichtungen. Warum tut sich die Theologie so schwer mit einer tierethischen Perspektive?

Dr. Rainer Hagencord: In meiner Forschung bin ich auf eine „dreifache Reduktion“ des Glaubens gestoßen. Wenn wir die Bibel betrachten, sehen wir zwei große Grundthemen: die Schöpfung und die Erfahrung von Freiheit und Erlösung. Beides sind tragende Säulen des Glaubens.

Doch schon früh begann eine Reduktion: Paulus spricht noch davon, dass die ganze Schöpfung auf Erlösung wartet. Später jedoch rückte fast ausschließlich der Mensch in den Mittelpunkt – Tiere und Schöpfung gerieten ins Abseits.

Ebenfalls lesenswert
Kein Tier für den Teller!

Die zweite Reduktion folgte, als es vor allem um die Erlösung der menschlichen Seele ging. In diesem dualistischen Denken wurden Tiere spätestens in der Aufklärung als seelenlose Automaten abgewertet.

Und schließlich kam die Machtfrage hinzu: Die Kirchenhierarchie entschied, wer in die Gnade der Erlösung aufgenommen wird. Tiere gingen dabei endgültig „über Bord“.

Dabei zeigt schon ein Blick in die Bibel: Tiere sind auf nahezu jeder Seite präsent. Man kann von einer Anthropologie, Ethik und Theologie sprechen, die ursprünglich das Gesicht den Tieren zugewandt hatte. Doch in der Neuzeit entstand eine Theologie, die den Rücken zu den Tieren gekehrt hat.

Ich selbst habe das im Religionsunterricht erlebt: Tiere spielten keine Rolle – sie waren schlicht vergessen. Bis heute beschäftigt man sich in der Kirche vorrangig mit inneren Macht- und Strukturfragen. Die Ausbeutung der Tiere in der industriellen Haltung dagegen findet kaum Beachtung.

Ihr Institut für Theologische Zoologie verbindet Wissenschaft, Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung. Welche Impulse möchten Sie besonders in die öffentliche Debatte einbringen?

Dr. Rainer Hagencord: Zunächst stellen wir fest, dass ganze Generationen zunehmend in digitale Welten abwandern. 80 Prozent der Jugendlichen verbringen den Großteil ihrer Zeit dort. Gleichzeitig sagen viele, dass Natur in ihrem Leben keine Rolle spielt. Das ist eine dramatische Diagnose – denn wenn Natur nicht mehr wahrgenommen wird, wird auch das Artensterben oder das Leid der Tiere in Schlachthöfen unsichtbar.

Dr. Rainer Hagencord mit Freddy und Fridolin, den sehr geschätzten Co-Therapeuten am ITZ
Foto: Thomas Mohn | WWU

Vor diesem Hintergrund verbinden wir in unseren Lehrveranstaltungen Philosophie, Theologie und Verhaltensbiologie. Zudem haben wir in Münster den Vorteil eines Erfahrungsortes: Unsere beiden Esel und unsere Bienen sind Teil der Lehre. Für viele Jugendliche ist die Begegnung mit solchen Tieren etwas völlig Neues – und daraus entsteht ein emotionales, erfahrungsorientiertes Lernen.

Aus diesen Erfahrungen ergeben sich dann grundlegende Fragen: Was unterscheidet uns vom Tier? Was können wir von Tieren lernen? Wie wollen wir mit ihnen umgehen?

In den letzten Jahren konnten wir auch mehrere interreligiöse Forschungsprojekte durchführen, unter anderem mit jüdischen und muslimischen Kolleginnen. Spannend ist dabei, dass alle drei monotheistischen Religionen zentrale Erzählungen teilen – etwa vom Garten Eden oder der Arche Noah.

Wenn Jugendliche diese Gemeinsamkeiten entdecken, treten Fragen von Antisemitismus oder Islamophobie in den Hintergrund. Stattdessen entsteht ein gemeinsames Bewusstsein dafür, dass wir uns mit der Schöpfung und den ökologischen Krisen beschäftigen müssen. Das macht unsere Arbeit hochaktuell – und auch politisch.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen: „Gebet bedeutet für mich …“

Dr. Rainer Hagencord: Gebet bedeutet für mich, meine Seele weit zu machen – in Dankbarkeit und in Verbundenheit mit allen Geschöpfen. Dazu möchte ich einen Vers meines Lieblingsdichters Rainer Maria Rilke zitieren:

„Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Federkleid
über die sinnenden Dinge.“

Ich danke für das Gespräch.

(Hinweis zu dem oben verwendeten Foto von Dr. Rainer Hagencord: Die Bildrechte liegen bei Michele Cappiello.)

❤️ Möchten Sie jemandem diesen Beitrag zukommen lassen? Dann teilen Sie ihn gerne – per E-Mail oder in Ihren Netzwerken: