Du bist ein Gott, der mich sieht.
1. Mose 16,13
Immer wieder erreichen mich Gebetsanliegen von Menschen, die sich nicht nur Sorgen machen, sondern die sich auch zutiefst übersehen fühlen. Da schreibt eine Mutter, deren erwachsene Kinder kaum noch auf sie hören und sich nur melden, wenn sie etwas brauchen. Eine Ehefrau hat das Gefühl, für ihren Mann nur noch den Haushalt zu organisieren. Im Beruf fühlt sich eine Mitarbeiterin von den Kolleginnen und Kollegen übergangen, als wäre sie gar nicht da. Und vor einiger Zeit schrieb mir ein älterer Mann, dass ihm niemand mehr etwas zutraue. Er habe das Gefühl, das Leben gehe an ihm vorbei und er spiele darin keine Rolle mehr.
So unterschiedlich diese Geschichten auch sind – zwischen den Zeilen steht oft dieselbe Frage: „Sieht mich eigentlich noch jemand?“. Vielleicht ist das sogar schmerzlicher als manche konkrete Belastung. Denn wer sich dauerhaft übersehen fühlt, beginnt irgendwann selbst daran zu zweifeln, ob er überhaupt noch etwas wert ist.
Eine Frau, die niemand sah
Genau deshalb berührt mich Moses Geschichte von Hagar so sehr. Über ihr Leben bestimmen andere. Sie wird benutzt, um den Kinderwunsch ihrer Herrin Sara zu erfüllen, und als daraus Spannungen entstehen, wird sie gedemütigt und schließlich in die Wüste geschickt. Beim Lesen entsteht fast der Eindruck, als sei sie für die Menschen um sie herum nur noch ein Mittel zum Zweck. Kaum jemand fragt nach ihr, nach ihren Ängsten oder ihrer Würde. Alle sehen nur das Problem – niemand sieht Hagar.
Mitten in dieser Einsamkeit begegnet ihr der Engel des Herrn. Und das Erste, was geschieht, ist erstaunlich unspektakulär. Er spricht sie mit ihrem Namen an: „Hagar.“ Nicht „du dort“, nicht „Magd“, sondern Hagar. In diesem einen Wort steckt bereits eine ungeheure Botschaft. Gott kennt ihren Namen. Er kennt ihre Geschichte, ihre Tränen und ihre Not. Während andere an ihr vorbeigesehen haben, richtet Gott seinen Blick auf sie.
Gesehen werden verändert Menschen
Mich bewegt an dieser Geschichte, dass Gott Hagar nicht zuerst eine Erklärung für ihr Leid gibt. Er sagt nicht, warum alles so kommen musste, und er hält auch keine lange Rede über den Sinn ihres schweren Weges. Er begegnet ihr zunächst mit Aufmerksamkeit. Vielleicht beginnt genau dort Trost.
Ich glaube nämlich, dass viele Menschen gar nicht als Erstes nach einer schnellen Lösung suchen. Sie wünschen sich zunächst jemanden, der ihre Not überhaupt wahrnimmt, versteht. Einen Menschen, der zuhört, ohne sofort zu bewerten oder Ratschläge zu geben. Jemanden, der sagt: „Ich sehe, wie schwer du es gerade hast.“
Vielleicht kennst du dieses Gefühl selbst. Es gibt Tage, an denen wir unsere Aufgaben erledigen, nach außen funktionieren und den Eindruck vermitteln, alles sei in Ordnung. Innerlich aber hoffen wir darauf, dass wenigstens ein Mensch bemerkt, wie es uns wirklich geht. Die Geschichte Hagars erinnert mich daran, dass Gott genau hinsieht. Nicht auf unsere Leistung, nicht auf unseren Erfolg und auch nicht darauf, welche Rolle wir im Leben anderer spielen. Er sieht den Menschen.
Der Gott, der mich sieht
Am Ende ihrer Begegnung gibt Hagar Gott einen Namen. Sie nennt ihn „El-Roi“ – „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Ich finde, das ist einer der schönsten Gottesnamen der ganzen Bibel. Nicht Gottes Macht steht im Mittelpunkt, sondern seine Zuwendung. Er ist der Gott, der keinen Menschen übersieht.
Vielleicht brauchen gerade die Menschen, die sich mit ihren Gebetsanliegen an mich wenden, genau diese Zusage. Viele schreiben mir, weil sie das Gefühl haben, mit ihren Sorgen allein zu sein, weil niemand mehr wirklich zuhört oder weil ihnen selbst die Kraft zum Beten fehlt. Wenn ich ihre Nachrichten lese, dann sehe ich nicht einfach eine E-Mail auf meinem Bildschirm. Ich sehe einen Menschen mit einem Namen, einer Geschichte und der Hoffnung, dass Gott ihn nicht vergessen hat.
Genau daran erinnert mich Hagar. Für Gott sind wir niemals nur die Mutter, der Rentner, die Angestellte oder der Mensch mit Problemen. Wir sind Menschen, die er beim Namen kennt. Und vielleicht genügt dieser eine Gedanke manchmal schon, um wieder ein wenig Hoffnung zu schöpfen:
„Du bist ein Gott, der mich sieht.“








