Mehr als nur Regeln befolgen – Warum Gott uns zum Handeln ermutigt 

Dr. Gert Brinkmann Selbst handeln

Neulich habe ich festgestellt: Mein Orientierungssinn hat nachgelassen. Ich habe einen Freund in Remscheid in der Klinik besucht. Beim Losfahren habe ich mein Ziel ins Navi eingegeben. Zunächst lief alles prima: B8, A 46, im Sonnborner Kreuz abfahren. Und dann rein nach Remscheid. Aber dort leitete mich mein Navi über Nebenstraßen und durch Tempo-30-Zonen. Als es mir verkündete: „Sie haben ihr Ziel erreicht“, stand ich in einer dunklen Sackgasse vor einem Gebäude, das nicht das Krankenhaus war. Wie sich herausstellte, gab es unter gleichem Namen noch eine Zweigstelle, eine Verwaltung oder so was. 

Leben nach Gebrauchsanweisung?

Hartmut Rosa hat ein neues Buch geschrieben. Er ist ein Vordenker, ein Soziologe. Das Buch heißt etwas sperrig „Situation und Konstellation.“ Der Untertitel sagt mehr: „Vom Verschwinden des Spielraums.“ (Hartmut Rosa, Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Berlin 2026) Hartmut Rosa beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, warum wir immer weniger selbst handeln und immer mehr vollziehen. Also immer weniger selbständig denken und selbst handeln und immer mehr nach Gebrauchsanweisung leben.

Er hat dafür einleuchtende Beispiele: Früher hatten Kinder eine Legokiste und haben in freier Fantasie Häuser, Tankstellen und Schiffe gebaut. Heute schenkt man ihnen Bausätze für den Eiffelturm, ein Kreuzfahrtschiff oder ein Rennauto mit exaktem Bauplan. Jeder noch so kleine Legostein hat seinen genau bestimmten Ort. Die App „GarageBand“ komponiert Musik für uns. ChatGPT schreibt unsere Texte. Der Thermomix kocht unser Essen. Lehrerinnen beurteilen Klassenarbeiten nicht mehr mit ihrer pädagogischen und fachlichen Erfahrung, sondern mit einem vorformulierten Erwartungshorizont. Das alles hat seine unbestreitbaren Vorteile. Aber Sie finden vielleicht auch Beispiele, dass sie nicht mehr selbst handeln, sondern nur noch vollziehen. Mein Aha-Erlebnis war Remscheid. 

Jesus handelt – er vollzieht nicht nur

Wir springen in die Zeit von Jesus. Der Evangelist Markus erzählt, wie Jesus anfänglich unterwegs ist. Er begegnet Menschen, er heilt und er eckt immer wieder an. Jesus muss ziemlich viel Kritik einstecken. Ein gelähmter Mensch wird zu ihm gebracht. Jesus spürt sein Vertrauen, sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. (Mk 2,5) Er zieht damit die Kritik von jüdischen Theologen auf sich. Sünden vergeben kann doch nur Gott. Jesus setzt noch einen drauf und heilt den Menschen.

Die nächste Geschichte, ein Abendessen mit Zolleintreibern und anderen Menschen mit schlechtem Ruf. Viele empören sich: Mit solchen Typen sitzt er an einem Tisch? Jesu Antwort: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. (Mk 2,17) Auch hier handelt Jesus aus eigenem Ermessen.

Später pflücken seine Jünger am Sabbat Weizenkörner und essen sie. Jesus heilt danach einen Mann, der eine verkrüppelte Hand hat. Es gibt einen Aufschrei: Das darf man alles am Sabbat nicht! Jesus antwortet: Nicht der Mensch ist für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen. (Mk 2,27) Jesus handelt. Er ist kein Vollzugsbeamter für Gebrauchsanweisungen. 

Die Frage nach dem Fasten

Schauen wir uns eine weitere dieser Geschichten etwas genauer an. Man stellt Jesus die Frage: Warum fasten die Jünger von Johannes dem Täufer? Und warum fasten die Jünger der Pharisäer und deine Jünger fasten nicht? (Mk 2,18). Das musst du uns erklären. Man möchte vielleicht meinen, dass es ausführliche Fastenvorschriften im jüdischen Gesetz, im Gesetz Moses gab. Das ist aber gar nicht der Fall. Lediglich am Versöhnungstag war das Fasten vorgeschrieben (3. Mose 16, 29-31). Aber die Leute im Land fasteten immer wieder: Zur Bekräftigung ihrer Gebete, vor dem Gottesdienst, zur Buße, damit ihre Sünden vergeben werden, bei nationalen Krisen.

Das waren Gewohnheiten im Volk, die sozial verbindlich waren. Möglichst jeder sollte mitmachen. Warum fastet ihr nicht, Jesus? 4 Das fragte sich auch damals die Gemeinde, die diese Geschichte aus dem Markusevangelium zum ersten Mal hörte. Das war so etwa 40 Jahre nach dem Tod Jesu. In dieser Zeit, der Zeit der frühen Christen, wurde immer mittwochs und freitags gefastet (Lukas 18,12, Didache 8,1). Freitag, der Todestag Jesu.

Warum fastest du nicht, Jesus? Warum fasten dein Jünger nicht? Jesus antwortet, wie er das gerne macht, mit einer kleinen Geschichte: „Sollen die Hochzeitsgäste etwa fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Während der Bräutigam bei ihnen ist, können sie doch nicht fasten.“ (Mk 2,19) Das Beispiel leuchtet bis heute ein. Hochzeitsfeier, ein fantastisches Buffet, leckere Getränke, Musik, Tanz das passt nicht zum Fasten. Der Bräutigam ist zugleich ein Bild für Jesus. Die Jünger sollen sich freuen, dass der Sohn Gottes bei ihnen ist. So hören wir das jedenfalls heute.

Aber wieder genau die gleiche Bewegung. Jesus vollzieht nicht die volkstümliche Gebrauchsanweisung: Man muss fasten! So ist das. Punkt, Ende, Aus. Sondern Jesus handelt, er gestaltet, er schaut auf die Situation, was angemessen ist. Jesus sagt übrigens nicht: „Fasten ist schlecht, man soll nicht fasten. Das ist sinnlos.“ Im Gegenteil: In der Bibel wird auch berichtet, dass Jesus in der Wüste gefastet hat (Mt 4,2). Alles an seinem Ort zu seiner Zeit. 

Martin Luther und das Augenmaß des Glaubens

1500 Jahre später sieht Martin Luther das genauso: Er schreibt eine kurze Zusammenfassung der evangelischen Lehre, den kleinen Katechismus. Darin muss er sich auch mit der Frage auseinandersetzen, ob man vor dem Empfang des Abendmahls fasten muss. Luthers Einsicht: Fasten vorher ist okay, aber entscheidend ist, dass wir glauben, dass Jesus für uns gestorben ist.

Die biblischen Worte „für euch gegeben“ (1. Kor 10,24) fordern nichts als gläubige Herzen. (BSLK, S. 521) Also auch bei Luther: Ein Ritual nicht wie eine Gebrauchsanweisung befolgen, vollziehen. Sondern mit dem inneren Augenmaß des gläubigen Herzens selbst handeln. 

Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer und deine Jünger fasten nicht?Jesu Antwort kann man so verstehen: Vollzieht nicht nur, sondern handelt. Handelt bewusst. Schaut hin, wann und wo es passt. Handelt verantwortlich. Und vergesst das Feiern nicht. Sollen die Hochzeitsgäste etwa fasten, solange der Bräutigam bei Ihnen ist? 

Wenn Vorschriften Menschlichkeit verhindern

Hartmut Rosa erzählt direkt am Anfang seines Buches eine Geschichte: Ein Mädchen hat Taschengeld gespart und geht zu Mäckes. Sie isst so gerne Burger. Sie gibt die Bestellung auf. Dann liegt er auf dem Tablett, der ersehnte Burger. Sie nimmt das Tablett zu hastig. Der Burger landet auf dem Boden. Und wie es das Unglück will: Der Mann hinter ihr tritt drauf. Matsche. Ungenießbar. Das Mädchen beginnt bitterlich zu weinen.

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Die normale menschliche Reaktion des Angestellten wäre, was sein Herz sagt: „Hier, Kleine, ich geb dir einen neuen!“ Das würde ein Strahlen in das Gesicht des Mädchens zaubern. Auch für den Angestellten wäre es ein guter Tag: „Ich habe etwas Gutes getan“. So einfach ist das aber nicht mehr. Weil nach Vorschrift dürfen die Angestellten so nicht handeln. Sie könnten ja Burger für sich selbst abziehen. Oder auf eigene Rechnung verkaufen. Richtlinien gegen Missbrauch und Korruption. „Du kannst aber eine E-Mail an den Kundenservice schreiben. Vielleicht schickt man dir einen Gutschein.“ So läuft das jetzt. 

Warum wir selbst handeln und Spielräume zurückholen müssen

Hartmut Rosa sagt: Weil die Spielräume verschwinden und immer enger werden, müssen wir beginnen, sie zurückzuholen. Denn immer nur vollziehen, im vorgegebenen Rahmen handeln, nach Gebrauchsanweisung leben, das macht unglücklich, das demotiviert und ist nicht lebenswert. Unser westliches Gesellschaftskonzept will das Leben in den Griff kriegen. Es gibt für nahezu jeden Lebensbereich Gesetze, bürokratische Verfahren, Regeln, oder technische Lösungen. So soll umfassend Sicherheit geschaffen werden. Risiken werden weitgehend minimiert.

Das ist auf der einen Seite gut, weil es das Wirtschaften in die eigene Tasche, weil es das willkürliche Durchsetzen von privaten Interessen und Korruption verhindert. Also nicht jeder, der genug Macht und Geld besitzt, kann sagen: Ich mach mir die Welt, widde-widde-wie sie mir gefällt.

Selbst dem amerikanischen Präsidenten sind in dieser Woche von seinem obersten Gerichtshof in der Zollpolitik Grenzen gesetzt worden. Darum sind Regeln gut. Aber manche dieser Regeln, Gesetze und technischen Lösungen lassen inzwischen immer weniger Platz für Augenmaß, Fingerspitzengefühl und persönliches Ermessen. Siehe Mäckes. Darum ist es wichtig, dass die einzelnen und auch die Gesellschaft insgesamt umsteuern und sich Spielraum zurückholen.

Man muss sich aber bewusst sein: Das geschieht nicht ohne Risiko. Wenn ich von der Regel abweiche, trägt die Regel nicht mehr die Verantwortung, sondern ich selbst bin verantwortlich! Ich muss im Zweifelsfall begründen können, warum ich so gehandelt habe. Ich nehme in Kauf, dass es vielleicht Ärger gibt. Dass die Regelhüter auf der Matte stehen. Siehe Jesus. 

Spielraum im Alltag entdecken

Spielraum zurückholen: Das funktioniert privat. Das geht im Kleinen. Ich schaue mir seit Remscheid meine Autorouten vorher einmal an, damit ich nicht irgendwann statt in Neustadt im Schwarzwald in Neustadt in Schleswig-Holstein lande. Die Ärztin, die bei der Therapieempfehlung ihrer Erfahrung und ihrem Gefühl mehr traut als der Standardbehandlung.

Ein Freund, der Lehrer ist, erzählt, wie er das mit dem Erwartungshorizont bei Klassenarbeiten macht. Er schreibt vorher, wie es sein muss, den Erwartungshorizont. Er korrigiert die Klausur gewissenhaft nach dem Erwartungshorizont. Und dann hat er eine Note. Aber er macht noch weiter. Er überlegt er, was sein pädagogisches Gespür, sein Sprachgefühl, seine Freude am kreativen Denken, ihm sagen: Was ist das für eine Note? Wenn dabei eine bessere Note rauskommt, dann sucht er in der Arbeit. Es sucht so lange, bis er im Rahmen des Erwartungshorizonts die fehlenden Punkte entdeckt.

Das finde ich großartig. Im Zweifel für die Schülerin! Wie gesagt, Regeln, Erwartungshorizonte und Verfahrensvorschriften müssen bleiben, es soll keine Willkür herrschen. Aber wir müssen mehr Spielraum für Augenmaß und Fingerspitzengefühl haben. 

Eine kleine Geschichte vom Mut zum Handeln

Kurz vor Schluss noch eine Geschichte dazu: Es ist einige Jahre her, da war ich mit meiner Tochter beim Endspiel der Frauen-Fußball-WM in Frankfurt. Unglücklicherweise hatte sich meine Tochter einen Tag zuvor die Bänder gerissen. Gips, Krücken, Schmerzen, das volle Programm. Aber keine Frage, sie war dabei. Wir hatten Plätze ganz oben und es gab keinen Aufzug. Sie hat sich tapfer die Treppen raufgeschleppt und wieder runter.

Als sie nach dem Abpfiff unten war, konnte sie nicht mehr. Ich bin zu einem Polizeibus, so ein Mannschaftswagen, gegangen. Hab dem Fahrer die Situation kurz geschildert, er hat das ja gesehen mit dem Gips, und ihn gebeten, uns zum Ausgang zu fahren. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, geht nicht, Versicherungsfragen.“ Meine Tochter kann gucken, dass einem das Herz weich wird. Und ich habe hilflos gesagt: „Aber Sie sind doch unser Freund und Helfer.“ Es dauerte einen kleinen Moment. Dann stieg er aus, öffnete die Tür und ließ uns einsteigen. 

Selbst handeln statt nur vollziehen

Zum Schluss: Selbst handeln statt nur vollziehen. Gott begegnet uns mit Zutrauen, nicht mit Misstrauen. Gott übergibt uns Verantwortung. Ihr seid die Akteure eures Lebens. Wenn wir Gott vertrauen, werden wir ermutigt, selbst mit Augenmaß, mit Fingerspitzengefühl, und in gutem Glauben zu handeln. 

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