Die Ethikerin und Landwirtin Sarah Heiligtag ist Präsidentin des Vereins Hof Narr, der hinter dem Lebenshof in Hinteregg im Zürcher Oberland in der Schweiz steht. Seit 2013 bietet er geretteten Tieren einen Platz zum Leben.
Ich freue mich, dass Frau Heiligtag sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.
Frau Heiligtag, was war der Auslöser, sich für das Tierwohl einzusetzen? Und wie sind Sie auf den Namen „Hof Narr“ gekommen?
Sarah Heiligtag: Das Thema Tierwohl begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als Fünfjährige zum ersten Mal begriffen habe, dass es Tiere gibt, die wir zu Hause haben, mit denen wir kuscheln und die wie Familienmitglieder sind – und andere, die wir essen. Das war ein Schlüsselmoment für mich: Warum behandeln wir manche Tiere liebevoll und andere völlig anders, obwohl sie genauso schlau, sozial und beziehungsfähig sind wie etwa Hunde?

Schon als Kind habe ich angefangen, mich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Ich habe gezeichnet, meine Gedanken aufgeschrieben und diese Zettel dem Metzger im Dorf in den Briefkasten gesteckt – mit der Frage: „Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, warum du das machst?“ So begannen meine ersten kleinen Aktionen, damals noch ganz naiv.
Später habe ich Philosophie studiert. Ein Schwerpunkt war die Gerechtigkeitstheorie – globale Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich, zwischen verschiedenen Völkern. Dabei tauchte auch die Tierethik auf, zunächst im Zusammenhang mit der Frage, wie wir als reiche Länder Anbauflächen in ärmeren Regionen nutzen, um Futtermittel für unsere Massentierhaltung zu produzieren. Schnell wurde mir klar: Es geht nicht nur um globale Ungerechtigkeit, sondern auch um das Leid, das wir den Tieren direkt zufügen.
Ich habe mich intensiv mit tierethischen Theorien beschäftigt und erkannt: Das, was wir heute mit Tieren machen, ist ethisch nicht zu rechtfertigen. Wir könnten anders leben, uns anders ernähren und sind im Grunde dazu aufgerufen. In meiner Masterarbeit habe ich mich schließlich mit der Frage beschäftigt: „Dürfen wir überhaupt Tiere nutzen und töten?“ Diese Auseinandersetzung hat bei mir sehr viel ausgelöst. Ich wollte dieses Wissen weitergeben, unterrichten – und gleichzeitig aktiv für die Tiere sein.
Zunächst habe ich für eine Organisation gearbeitet, die Missstände aufdeckt. Doch die Grausamkeiten, die ich dort gesehen habe, waren kaum auszuhalten. Im Unterricht als Tierethikerin habe ich außerdem gemerkt: Die Themen berühren die Menschen zwar, aber sobald sie den Klassenraum verlassen, kehren viele zu ihrem gewohnten Verhalten zurück. Da wurde mir klar: Es reicht nicht, nur darüber zu sprechen. Man muss es erlebbar machen, gemeinsam mit den Menschen ausprobieren, wie es anders gehen kann.

Mein Mann, der in den Umwelt-Naturwissenschaften tätig ist, machte eine ähnliche Erfahrung: Obwohl wir um den Klimawandel wissen, handeln wir oft, als beträfe er uns nicht. Aus dieser gemeinsamen Erkenntnis entstand die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem wir nicht nur reden, sondern gemeinsam mit Menschen und Tieren neue Wege gestalten. Wir wollten zeigen, wie Landwirtschaft funktionieren kann, wenn Tierausbeutung keine Zukunft hat.
So entstand nach und nach die Idee eines Hofes. Als wir nach einem Namen suchten, hatten wir beim Frühstück den Gedanken: Wie früher der Narr dem König den Spiegel vorhielt, wollen auch wir der Gesellschaft den Spiegel zeigen – humorvoll, klug und mit einer Prise Tollkühnheit. So entstand der Name „Hof Narr“. Mit diesem Namen kann man spielen, lachen, nachdenken. Er eignet sich auch wunderbar für die Arbeit mit Kindern. Heute merken wir, wie gut dieser intuitive Name passt.
In einem Ihrer Tätigkeitsberichte sprechen Sie von einer „dualistischen Weltsicht“, die Menschen von ihren Mitlebewesen trennt. Wie trägt Hof Narr konkret dazu bei, dieses Denken zu überwinden?
Sarah Heiligtag: Wir versuchen, den Dualismus zwischen Mensch und Tier ganz praktisch zu durchbrechen. Dazu holen wir die Tiere aus der Anonymität heraus und nehmen sie bewusst in unseren Lebensraum auf. Statt sie irgendwo abgeschottet zu halten, setzen wir uns zu ihnen, begegnen ihnen auf Augenhöhe und schenken ihnen Aufmerksamkeit.
Wenn Besucherinnen und Besucher bei uns Schweinen begegnen – Tieren, die man normalerweise nie wirklich kennenlernt –, entsteht ganz automatisch eine Verbindung. Wir fragen dann oft: „Was unterscheidet eigentlich einen Hund von einem Schwein?“ Im Sozialverhalten, in der Intelligenz oder in der Fähigkeit, Bindungen einzugehen, gibt es keinen relevanten Unterschied. Diese Begegnungen öffnen Herzen und bauen Trennungen ab.
Ich bin überzeugt: Viel Leid entsteht durch Trennung. Wenn man diese Trennung überwindet, indem man sich wirklich begegnet, kann Frieden wachsen. Auf unserem Hof schaffen wir solche Räume: Schulklassen, Erwachsene, Firmen, Einzelpersonen – sie alle tauchen in unseren Mikrokosmos ein, in dem Tiere ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft sind. Ergänzt wird das durch theoretische Impulse, gemeinsame Fragen und kreatives Mitgestalten. So entsteht ein lebendiger, co-kreativer Prozess.

Immer mehr Landwirtinnen und Landwirte möchten mit Ihrer Unterstützung auf eine gewaltfreie Landwirtschaft umsteigen. Wie begleiten Sie diese Höfe bei der sogenannten „TransFARMation“?
Sarah Heiligtag: Wir schauen uns jeden Betrieb individuell an: Wie ist die aktuelle Situation? Womit wird Geld verdient? Welche Motivation steckt hinter dem Wunsch, umzusteigen? Welche Talente und Leidenschaften bringen die Menschen mit? Aus dieser Analyse entwickeln wir gemeinsam ein Konzept, das zu ihnen passt – es geht nicht darum, einfach einen „Hof Narr“ an einem anderen Ort zu kopieren. Jeder Hof soll seinen eigenen, authentischen Weg finden.
Wir begleiten die Landwirtinnen und Landwirte sowohl konzeptionell als auch finanziell. Eine Stiftung unterstützt diesen Prozess, bis die neue Form der Landwirtschaft selbsttragend ist. Manchmal sind dafür große strukturelle Veränderungen nötig, aber wir zeigen, dass ein zukunftsfähiger, tierfreundlicher Weg möglich ist.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Ihren Verein – finanziell, gesellschaftlich oder im Alltag mit so vielen Tieren?
Sarah Heiligtag: Momentan leben rund 130 Tiere bei uns, viele von ihnen kommen aus sehr schlimmen Verhältnissen. Einige benötigen intensive medizinische Versorgung, was mit erheblichen Kosten verbunden ist. Deshalb sind wir aktuell auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um diesen Notfällen weiterhin gerecht werden zu können. Wenn die Mittel fehlen, müssen wir leider vorübergehend einen Aufnahmestopp verhängen – das wäre sehr schade.
Gesellschaftlich wäre schon viel gewonnen, wenn mehr Menschen genau hinschauen würden: Wer sind diese Tiere? Was macht ihre Persönlichkeit aus? Wenn dieses Bewusstsein wachsen würde, wäre unsere Arbeit nicht mehr so dringend notwendig. Ganz konkret gilt: Je mehr Unterstützung wir erhalten, desto mehr Tieren können wir helfen und desto mehr Höfe können wir begleiten.
Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen – „Gebet bedeutet für mich …“?
Sarah Heiligtag: Gebet bedeutet für mich, in Verbindung zu treten – mit allem Leben, das uns umgibt. Es ist ein stiller Moment der Verbundenheit mit Mensch, Tier und Erde. Für mich ist Gebet kein Sprechen „nach oben“, sondern ein Spüren nach innen und außen, ein Innehalten im großen Ganzen. Es heißt, dem Wind, der Stille und dem Herzen zuzuhören. Und es bedeutet, bewusst in Liebe und Respekt zu leben – jeden Tag, in jeder Begegnung.
Wenn Sie den Verein Hof Narr finanziell unterstützen möchten, können Sie das mit einer Spende tun:
Alternative Bank Schweiz
4601 Olten, BC-Nr. 8390
IBAN: CH78 0839 0032 9505 1000 8

Ebenso ist es möglich, eine Tier-Patenschaft zu übernehmen, die der Sicherung eines dauerhaften Unterhalts des ausgewählten Tieres dienen. Die Idee dabei ist, dass der Hof so vielen Tieren ein zu Hause bieten kann, wie er über den Verein langfristig mit Patenschaften finanzieren kann. Näheres dazu findet sich hier.
(Hinweis zu dem oben erwendeten Foto von Sarah Heiligtag: Die Bildrechte liegen bei Nora dal Cero.)








