Nichts bleibt verborgen – und das ist gut so

Von Gott erkannt

HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.
Psalm 139, 1-2

Diese Verse aus Psalm 139 berühren etwas zutiefst Menschliches, nämlich die Sehnsucht, wirklich gekannt zu werden und gleichzeitig die Angst davor. Der Psalmbeter spricht aus, was vielen von uns Unbehagen bereiten könnte. Dass Gott mich erforscht und für ihn nichts im Verborgenen bliebt. Doch der Ton dieses Psalms ist nicht beängstigend, sondern staunend und dankbar.

Erforscht und gekannt

„Du erforschest mich und kennest mich“ – diese beiden Verben ergänzen sich. Gott forscht nicht wie ein auf Distanz bleibender Wissenschaftler, der Daten sammelt. Das hebräische Wort für „erforschen“ meint ein tiefes, durchdringendes Verstehen. Und dann folgt: „du kennest mich“, denn Gott kennt das Ergebnis seiner Erforschung bereits im Voraus. Er weiß, wer wir sind und das nicht nur oberflächlich, sondern bis in die Tiefe unseres Wesens.

Für viele Menschen ist dieser Gedanke zunächst beunruhigend. Wir sind es im Alltag gewohnt, Masken zu tragen, um verschiedene Versionen von uns selbst zu präsentieren. Vor manchen Menschen zeigen wir unsere starke Seite, vor anderen unsere verletzliche. Wir verbergen Gedanken, von denen wir meinen, sie seien nicht akzeptabel. Doch vor Gott gibt es keine Maske, die etwas verbergen kann – wir werden so wie wir sind von Gott erkannt.

Jede Bewegung, jeder Gedanke

„Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es“ – Gott kennt nicht nur unsere innere Welt, sondern auch unser konkretes, alltägliches Leben. Das Sitzen und Aufstehen in diesem Vers steht symbolisch für alle unsere Tätigkeiten, für jeden Moment unseres Tages. Denn nichts ist zu unbedeutend, als dass Gott es nicht wahrnehmen würde.

Und dann geht der Psalm noch weiter: „Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Selbst unser Innerstes, das, was niemand sonst sehen kann, ist Gott bekannt. Er kennt unsere Gedanken, noch bevor wir sie zu Ende gedacht haben. Er kennt die Zweifel, die wir niemandem anvertrauen und unsere Ängste, für die wir uns schämen. Sogar unsere Sehnsüchte, die wir nicht einmal uns selbst eingestehen, sind Gott bekannt.

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Ist das bedrohlich oder tröstlich?

Diese umfassende Kenntnis Gottes kann auf zweierlei Weise empfunden werden. Für Menschen, die sich vor Gott fürchten oder die von Schuldgefühlen geplagt sind, mag es bedrohlich klingen, wenn es heißt, dass Gott alles sieht, also auch mein Versagen, meine dunklen Gedanken und all meine Schwächen.

Doch der Psalmbeter empfindet es als Trost. Warum? Weil dieses Gekanntwerden keine Verurteilung bedeutet, sondern Verbundenheit und Aufgehobensein. Gott kennt uns und wendet sich nicht ab. Er weiß alles über uns und liebt uns trotzdem. Oder besser: gerade deshalb, weil er uns wirklich kennt.

Die Freiheit, sich nicht verstellen zu müssen

Wenn Gott uns ohnehin durch und durch kennt, müssen wir uns vor ihm nicht verstellen. Wir dürfen im Gebet ehrlich sein, auch mit dem, was uns beschämt. Wir müssen keine frommen Formulierungen suchen, wenn uns danach ist zu schreien. Wir dürfen zweifeln, klagen, ja, sogar richtig wütend sein, denn Gott kennt diese Gefühle bereits, bevor wir sie aussprechen.

Diese Freiheit dürfen wir als Geschenk betrachten, denn bei Gott gibt es keinen Leistungsdruck und keine Notwendigkeit, sich von der besten Seite zu zeigen. Wir dürfen einfach so sein, wie wir sind und zwar mit allem, was dazugehört.

Gekannt und gehalten

Der Psalm 139 endet nicht bei dieser Erkenntnis, von Gott erkannt zu sein. Er führt weiter zu der Gewissheit, dass Gottes Hand uns hält, dass wir auch in der Finsternis nicht allein sind, und dass Gott uns bereits im Mutterleib geformt hat. Das Gekanntwerden ist eingebettet in Gottes Fürsorge.

Wir sind nicht durchschaut, um bloßgestellt zu werden, sondern erkannt, um von Gott gehalten zu werden. Diese Wahrheit kann uns helfen, auch vor uns selbst ehrlicher zu sein und andere Menschen mit mehr Gnade zu sehen; denn auch sie sind von Gott durch und durch gekannt und geliebt.

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