Am 29. Juni 2025 wurde Pfarrer Jürgen Hoffmann gemeinsam mit seiner Frau Pfarrerin Felicitas Schulz-Hoffmann nach fast 25 Jahren Dienst als Pfarrerehepaar in der früheren Düsseldorfer Tersteegen-Kirchengemeinde – heute Kirchengemeinde Kaiserswerth-Tersteegen – in den Ruhestand verabschiedet.
Ich habe Pfarrer Jürgen Hoffmann in dieser Zeit persönlich kennen und schätzen gelernt – umso mehr freue ich mich, dass er sich nun in seinem wohlverdienten Ruhestand trotzdem die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.
Wenn du auf deine Jahre als Pfarrer zurückblickst: Was hat dich am meisten erfüllt?
Jürgen Hoffmann: Vielleicht erzähle ich zunächst kurz, wie ich überhaupt Pfarrer geworden bin. Bevor ich Theologie studiert habe, machte ich eine Ausbildung zum Augenoptiker. Doch schon von Kindheit an war ich eng mit der Kirche verbunden. Kirche war immer ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens – ich weiß, wie viel ich meiner Kirche und meiner Gemeinde verdanke.
Ich hatte das große Glück, innerhalb der Kirche Menschen zu begegnen, die mich geprägt und ermutigt haben. Das Christsein war für mich immer etwas sehr Zentrales, und der Gedanke, Teil dieser großen Geschichte Gottes mit uns Menschen zu sein, hat mich früh begeistert. Irgendwann wurde mir klar: Das kann ich am besten, wenn ich Pfarrer werde.
Als ich mitten in meiner Ausbildung als Augenoptiker spürte, dass dieser Beruf mich nicht mein Leben lang erfüllen würde, habe ich mich für das Theologiestudium entschieden. Und bin bis heute dankbar, dass ich auf diesen Weg geführt wurde.
Was mich am meisten erfüllt hat? Vor allem der Gedanke, mit meinem Tun anderen etwas von Gottes Liebe weiterzugeben. Teil dieser großen Geschichte zu sein, in der es um Gottes Liebe geht. Das war und ist mir ein Herzensanliegen.
Erfüllt hat mich auch die Vielzahl an Begegnungen: in Gottesdiensten, Schulen, beim Konfirmandenunterricht, bei Taufen oder Beerdigungen. Immer wieder durfte ich erleben, wie etwas geschieht, das ich nicht „Wunder“ nennen will, das aber ganz wunderbar war. Diese kleinen und großen Momente berühren mich bis heute.
Besonders schön war es, nie allein unterwegs zu sein: über 35 Jahre lang mit engagierten Mitarbeitenden, Presbyterinnen und Presbytern, mit einem starken Team, das an einem Strang zieht. Was da in Gemeinschaft entstehen kann, ist großartig – und zu sehen, wie das gemeinsame Tun Früchte trägt, erfüllt mich zutiefst.
Welche Begegnungen bewegen dich bis heute besonders?
Jürgen Hoffmann: Besonders berührt hat es mich, wenn Menschen sagten: „Unsere Gemeinde, unsere Kirche – das ist mein zweites Zuhause.“ Das habe ich über viele Jahre hinweg immer wieder gehört und es war jedes Mal schön.
Ich denke an eine ältere Aussiedlerin aus Sibirien. Bei einem Besuch zeigte sie mir einen Stapel Wäsche im Schrank und sagte: „Das werde ich tragen, wenn ich sterbe. So gehe ich meinem Heiland entgegen.“ Diese tiefe Frömmigkeit hat mich sehr bewegt.
Ebenso berührend sind Begegnungen mit Kindern, die so selbstverständlich von ihrem Glauben sprechen, voller Freude und ohne Zweifel. Das habe ich bei Schul- und Kindergartengottesdiensten oft erlebt.
Unvergesslich ist auch ein Taufgespräch mit Eltern, die beide nicht in der Kirche waren. Am Ende des Gesprächs wollten beide eintreten. In diesem kleinen Wohnzimmer war Gottes Gegenwart förmlich spürbar: ein dichter, heiliger Moment.
Solche Erfahrungen hatte ich öfter. Augenblicke, in denen plötzlich deutlich wird: hier ist noch etwas ganz anderes gegenwärtig. Gott ist da.
Sehr prägend war auch mein erster Sterbebegleiter-Einsatz. Ich war ganz am Anfang meiner Pfarrzeit, hatte kaum Erfahrung. Der sterbende Mann kämpfte sichtbar. Ich saß still bei ihm, nahm seine Hand, betete, sprach das Vaterunser und segnete ihn. Er wurde ganz ruhig und mit dem Segen tat er seinen letzten Atemzug. Das war ein großes Geschenk. Ich habe da erfahren, wie viel es ausmacht, wenn in solch einem Moment jemand betet und segnet.
Wie hat sich dein Glaube über die Jahre entwickelt?
Jürgen Hoffmann: Ich war immer eng mit Kirche und Gemeinde verbunden – das war mir wichtig. Mit der Zeit ist mein Glaube aber ruhiger, gelassener geworden. Früher hatte ich einen stärkeren missionarischen Eifer, heute ist Dankbarkeit für mich viel zentraler.
Früher war mein Glaube eher kopflastig – geprägt von theologischen Diskussionen. Heute ist er einfacher geworden. Ich habe gemerkt, wie wenig ich eigentlich brauche.
Sehr wichtig waren mir meine Ausbildung zum geistlichen Begleiter und meine Erfahrungen mit Kontemplation. Dabei habe ich gelernt, mich selbst zurückzunehmen und zu wissen: Gott ist da. Früher war mein Glaube eher kompliziert, heute ist er ganz schlicht.
Was würdest du Menschen sagen, die mit Sorgen, Zweifeln oder Fragen zum Glauben unterwegs sind?
Jürgen Hoffmann: Zuerst würde ich ihnen zuhören und sie ernst nehmen – nicht widersprechen, sondern verstehen wollen, woher ihre Zweifel kommen. Viele Menschen haben schlechte Erfahrungen mit Kirche gemacht, manche wurden in ihrer Jugend verletzt oder bloßgestellt. Das sitzt tief.
Ich erinnere mich an einen Mann, der sagte: „Seit meiner Konfirmation war ich nicht mehr in der Kirche“, weil er damals als Jugendlicher öffentlich im Gottesdienst lächerlich gemacht wurde. Jahrzehntelang konnte er keine Kirche mehr betreten – bis zu unserem Gespräch. Wir haben gebetet, und ich durfte ihn segnen. Ich glaube, das hatte etwas Heilendes.
Überhaupt finde ich, Kirchengemeinden müssen heilende Orte sein, Orte, an denen Gottes Liebe spürbar ist, an denen Segen erlebbar wird und Verletzungen heilen dürfen.
In diesem Zusammenhang ist mir auch das Handauflegen sehr wichtig geworden: als liebevolle, heilsame Praxis, in der wir spüren dürfen, wie Gott uns nahekommt.
Kannst du das Handauflegen etwas näher erläutern? Was bedeutet es für dich?
Jürgen Hoffmann: Jesus hat Menschen geheilt, indem er ihnen die Hände auflegte. Das Handauflegen ist zu einer alten christlichen Tradition geworden. In unserer Gemeinde gibt es einen Kreis von Menschen, denen das Handauflegen wichtig geworden ist. Wir beginnen immer mit einer Einführung und legen einen Schwerpunkt fest, etwa Dankbarkeit, Vertrauen oder Liebe.
Dabei geht es nicht darum, dass wir etwas „machen“. Wir öffnen uns für Gottes Gegenwart und stellen uns ihm zur Verfügung. Was dann geschieht, haben wir nicht in der Hand – Gott wirkt.
In unserem Kreis von etwa 12 bis 15 Menschen legen wir uns gegenseitig die Hände auf. Danach tauschen wir uns aus, wie wir das erlebt haben. Es entsteht dabei eine besondere, dichte Atmosphäre und man kann fast mit Händen greifen, dass Gott wirkt.
Wie würdest du den Satz beenden: „Gebet ist für mich …“?
Jürgen Hoffmann: Gebet ist für mich ganz zentral. Alles, was mit Beten und Segnen zu tun hat, ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden.
Organisatorisches liegt mir nicht so, aber Beten liegt mir am Herzen. Ich bete wirklich gern, und ich segne gern Menschen.
Ich lade Menschen ein, für sich und für andere zu beten – auch für unsere Gemeinde. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass das ganze Leben ein Gebet sein sollte, aber für mich sind Beten und Segnen unverzichtbar Bestandteil meines Lebens und darum lade ich gern andere dazu ein, dies auch zu tun.
Ich danke für das Gespräch – und der Herr segne dich, lieber Jürgen.








