Dr. Wolfgang Reuter lehrte als Professor für Pastoralpsychologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Er ist Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Im Erzbistum Köln war er als Seelsorger für psychisch Kranke tätig und arbeitete als Psychoanalytiker in eigener Praxis. Ich freue mich, dass Herr Dr. Reuter sich die Zeit für dieses Gespräch genommen hat.
Nahtoderfahrungen – zwischen Erfahrung und Deutung
Frage: Herr Dr. Reuter, Nahtoderfahrungen faszinieren viele Menschen. Die Interviews zu diesem Thema gehören auf meiner Website mit Abstand zu den meistgelesenen. Gleichzeitig äußern sich Kirchen und Theologen eher selten dazu. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Dr. Wolfgang Reuter: Das ist eine spannende Frage, über die ich so bewusst noch gar nicht viel nachgedacht habe. Aber ich glaube tatsächlich, dass Kirchen und Theologen sich dazu sehr wenig äußern, zumindest in ihren vorrangigen Dokumenten oder öffentlichen Aussagen.
Ein Grund könnte sein – und das wäre durchaus positiv –, dass Kirchenvertreter und Theologen einen großen Respekt vor diesen sehr persönlichen Erfahrungen von Menschen haben. In einer Nahtoderfahrung sprechen Menschen, paradoxerweise, von einer Lebenserfahrung – und zwar von einer Lebenserfahrung vielleicht so nah am Ende des Lebens, wie wir sie sonst gar nicht machen können. Dazu haben wir keinen direkten Zugang. Wenn die Kirche an dieser Stelle respektvoll ist und den Menschen ihre Erfahrung lässt, wäre das eine wünschenswerte und auch seelsorglich gute Haltung.
Vielleicht gibt es noch einen zweiten Grund: Vor dieser Erfahrung, die irgendwann jedem Menschen zukommt – ich meine die Situation, an der Grenze zum Tod zu stehen –, müssen und dürfen wir Respekt haben. Wenn wir einem Menschen nicht zugestehen, in dieser Lebenssituation seine ganz eigenen, höchstpersönlichen Erfahrungen zu machen und auch davon zu berichten, wäre das fatal. Von daher ist die Zurückhaltung der Kirche an dieser Stelle verständlich, eigentlich auch wünschenswert.
Andererseits hat die Kirche durchaus etwas zu diesem Thema zu sagen. Sie begleitet Menschen gerade durch ihre Rituale, etwa in der Krankheit und auch im Sterben, in der Feier des Begräbnisses und später, nach dem Tod, im Prozess der Trauer. Wenn sie das seelsorglich gut macht, muss sie sich natürlich auch auf diese Übergangsphase einlassen, von der Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten. Darauf muss sie sich einlassen.
Anmerkung: Vielleicht in diesem Zusammenhang nur ganz kurz: Es gibt bei YouTube mehrere Kanäle (zum Beispiel Thanatos TV oder Empirische Jenseitsforschung), die Menschen mit Nahtoderfahrungen interviewen. Dort bin ich zufällig auch einmal auf das Interview mit dem katholischen Priester Stefan Lampe gestoßen, der selbst eine Nahtoderfahrung gemacht hatte. Dieses Interview war für mich natürlich besonders interessant, weil ich wissen wollte: Wie reagiert ein Pfarrer auf eine solche Erfahrung?
Was mich besonders bewegt hat, war seine Aussage, dass es im Jenseits nicht mehr darauf ankomme, welchen Glauben man hat. Er habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass es allein darauf ankomme, Nächstenliebe zu üben. Das fand ich sehr interessant – gerade aus dem Mund eines katholischen Priesters. Er ist auch weiterhin Priester geblieben, sagt aber, dass er seit dieser Erfahrung eine völlig andere Einstellung zu dem hat, was er bis dahin gemacht hat.
Dr. Wolfgang Reuter: Das ist ja spannend, weil diese Erfahrungen – ich sage noch einmal: Nahtoderfahrungen sind Lebenserfahrungen – offenbar Entwicklung und vielleicht auch neue Strukturen von Beziehung nach sich ziehen können.
Da sind wir eigentlich bei einem grundlegenden Lebensprojekt von Menschen: Leben ereignet sich immer in Entwicklung und in Beziehung. Wenn Menschen aus einer so existenziell bedeutsamen Erfahrung, nahe am Tod zu stehen, etwas wie dieser Pfarrer mitnehmen, finde ich das sehr interessant.
Mein Rat wäre dann: Halt dir das doch fest. Nicht nur als eine Perspektive auf das Jenseits hin, sondern auch als eine Handlungsperspektive für unser Diesseits. Unsere Differenzierungen in Konfessionen, Lebensformen und Lebensarten sind eigentlich so überflüssig. Das dürften wir auch im Diesseits schon gerne etwas lebensfreundlicher und menschenfreundlicher handhaben.
Wenn wir uns lebensfreundlich auf berichtete Nahtoderfahrungen einlassen, nimmt das diese Menschen, die davon berichten, sehr ernst. Denn einerseits berichten sie von etwas, über das ich keine eigene Erfahrung habe und über das ich auch nicht verfügen kann. Andererseits wäre es eine seelsorgliche Aufgabe, jedem Menschen mit solchen Lebenserfahrungen Raum zu geben, sich darüber zu äußern, damit in Kontakt zu treten und in Beziehung zu kommen. Dann kann man schauen, was daraus wird, was es für diesen Menschen bedeutet – aber vielleicht auch, was es für mich selbst bedeuten kann, wenn man über so etwas ins Gespräch kommt.
Gerade an dieser Stelle ist es eine seelsorgliche Frage: Wische ich als Priester oder Seelsorger eine solche Erfahrung einfach vom Tisch und sage, das sei alles hirnphysiologisch erklärbar, man müsse nur schauen, welche Synapsen da nicht richtig geschaltet haben? Oder nehme ich sie sehr, sehr ernst – als Lebenserfahrung?
Was eine Nahtoderfahrung mit dem Leben machen kann
Frage: Angenommen, ein Gemeindemitglied würde Ihnen erzählen, es habe eine Nahtoderfahrung erlebt, die sein Leben nachhaltig verändert habe. Wie würden Sie als Seelsorger mit einem solchen Erlebnis umgehen?
Dr. Wolfgang Reuter: Als Erstes wäre ich dieser Person gegenüber äußerst dankbar, dass sie mich daran teilhaben lässt. Sie holt mich als Menschen, als Mitmenschen, aber auch in meiner Rolle als Seelsorger in dieses sehr persönliche Geschehen hinein.
Das bleibt aber ambivalent. Auf der einen Seite ist die Erfahrung für die Betroffenen sehr gut beschrieben. Auf der anderen Seite wäre mein Part in dem Gespräch, gemeinsam mit ihm oder ihr zu schauen, was diese Nahtoderfahrung mit dem jetzigen Leben zu tun hat und was sie bewirkt. Ich würde versuchen, den Schatz der Entwicklung, der darin liegt, mit diesem Menschen zu heben und zu schauen: Was liegt darin?
Ich erinnere mich aus meiner Zeit als Klinikseelsorger an manche Begegnungen mit psychisch und organisch erkrankten Menschen. Eine Person hat sich mir in ganz besonderer Weise anvertraut. Sie erzählte mir, dass sie während einer Herzoperation am offenen Herzen glaubte, alles sehen zu können, was passierte. Einen großen Schrecken bekam sie in dem Moment, als der Operateur das Herz aus ihrem Brustkorb nahm.
Hinterher sagte sie: „Nun muss ich lernen, damit zu leben. Jemand anderes als ich hat mein Herz in seinen Händen gehabt.“
Das war die Metapher, über die wir wochenlang miteinander gesprochen haben: „Jemand anderes nimmt mein Herz in die Hände“. Zunächst waren wir noch beim chirurgischen Akt, der natürlich einmalig und beeindruckend, aber auch erschreckend sein kann. Doch mehr und mehr wurde daraus eine lebensgestaltende Metapher: Wie ist es, wenn ich jemandem mein Herz in die Hand gebe? Wenn ich von jemand anderem das Herz in meine Hände nehme?
Wir kamen zu sehr tiefgehenden persönlichen, seelsorglichen und spirituellen Gedanken, die mich als Seelsorger bereichert haben – und die Person auch.
Die Unverfügbarkeit des Sterbens
Frage: In Ihrer Antwort auf meine Gesprächsanfrage schreiben Sie von der „Unverfügbarkeit der Erfahrung des Sterbens und des Todes“. Was verstehen Sie darunter – und warum halten Sie diesen Gedanken für so wichtig?
Dr. Wolfgang Reuter: Ich sagte schon, ich verstehe Nahtoderfahrungen als Lebenserfahrungen. Ich glaube tatsächlich, dass wir in unserer Lebensgeschichte – von der Sekunde der Zeugung und der Entbindung bis zum Ende, bis zur Sekunde des wirklichen Versterbens – eine unwahrscheinlich große Vielfalt und Bandbreite an Lebensaufgaben und Lebensmöglichkeiten haben, die es anzugehen gilt.
Die einzige Lebensaufgabe, die wir tatsächlich bewusst nicht angehen können, weil sie uns als Erfahrung entzogen ist und weil uns niemand darüber berichten kann, ist der wirkliche Moment des Todes und des Sterbens.
Da ist eine Unverfügbarkeit. Ich kann darauf nicht zugreifen. Ich kann diese noch ausstehende Urerfahrung des Lebens nur assoziativ und vorwegnehmend, aber auch nur sehr persönlich und subjektiv beschreiben. Ich kann nichts Objektives über diese Situation sagen.
Das bleibt – ich sage es als Seelsorger – ein dynamisches Geheimnis, auf das wir zugehen. Niemand kann mir sagen: Wie wird sich das ereignen?
Von daher meine ich, dass das Sterben für jeden Menschen eine Unverfügbarkeit mit sich bringt. Ich kann ihm nicht ausweichen. Ich soll und darf es eigentlich auch nicht herbeiführen, sondern soll nach Möglichkeit den Moment abwarten. Und dennoch bin ich als Akteur darin sowohl aktiv als auch passiv. Das ist eine Ambiguität, eine Vielfalt in der Bedeutung dessen, was da geschieht.
Deshalb steht uns der Gedanke der Unverfügbarkeit in dieser Sterbe- und Todeserfahrung eigentlich gut an, weil er noch einmal einen Respekt vor dem Menschsein zum Ausdruck bringt – vor dem Menschsein eines jeden Einzelnen.
Frage: Sie haben außerdem in Ihrer Antwort angedeutet, dass auch die mediale Aufmerksamkeit für Nahtoderfahrungen etwas über unsere Gesellschaft erzählt. Welche Sehnsucht oder welche Fragen unserer Zeit spiegeln sich Ihrer Meinung nach in diesem großen Interesse wider?
Dr. Wolfgang Reuter: Ich glaube tatsächlich, dass in unserer Gesellschaft die Hoffnung auf einen guten Tod eine große Rolle spielt. Das Wort „Euthanasie“ ist ja durch unsere Geschichte im Dritten Reich leider sehr belastet, aber im Griechischen bedeutet es „der gute Tod“. Ich glaube, dass wir alle von der Hoffnung auf einen guten Tod erfüllt sind. Viele Menschen beten um eine gute oder selige, friedvolle Sterbestunde.
Das ist, glaube ich, etwas, was durch die sehr positiven und bildreichen, lichtvollen Erzählungen der Menschen, die Nahtoderfahrungen hatten, aufgegriffen wird. Vielleicht versucht die Gesellschaft gerade in einer so lebensbedrohlichen und lebenshinderlichen Gegenwart, wie wir sie derzeit erleben, das Ende des Lebens vorwegzunehmen und es sich auch gut vorzustellen.
Der Gegensatz dazu ist, dass sämtliche kulturellen Manifestationen der Menschheit über die Jahrhunderte und Jahrtausende – Dramen, Mythen, Theaterstücke, Romane, Filme und heute vieles andere – dieses Thema ansprechen. Sie versuchen, den Schrecken des Todes handhabbar zu machen. Oder sie versuchen, mit dem Schrecken der Unausweichlichkeit der Sterblichkeit umzugehen, vielleicht auch als Abwehr, um das Unberechenbare dessen, was mir selbst bevorsteht, einigermaßen akzeptabel zu machen.
Von daher glaube ich, dass die Medien der Gegenwart und unsere Gesellschaft im Diskurs sehr bemüht sind, das bevorstehende Lebensende – die einzige Gewissheit, die wir alle haben und die wir alle teilen – erträglich zu gestalten und gleichzeitig die damit einhergehende Angst, Unsicherheit und Ungewissheit zu mindern. Denn letztlich kann uns niemand, der wirklich gestorben ist und nicht mehr lebt, berichten: Wie war es denn? Welche Perspektive erwartet mich? Welche Erfahrung wohnt diesem Ereignis inne?
Die Gesellschaft versucht also, mit diesem unausweichlichen Ereignis umzugehen. Vielleicht ist es ja unsere Art, uns das lieber, salopp gesagt, schön zu reden, als es auch in seiner existenziellen Härte und Konsequenz anzunehmen und ernst zu nehmen.
Welche Hoffnung bleibt über den Tod hinaus?
Frage: Wenn Menschen sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigen, dann oft deshalb, weil sie Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod suchen oder einen geliebten Menschen verloren haben. Welche Hoffnung kann der christliche Glaube diesen Menschen schenken – unabhängig davon, wie man Nahtoderfahrungen bewertet?
Dr. Wolfgang Reuter: Ich glaube zunächst, dass eine Kultur des Umgangs mit solchen berichteten Nahtoderfahrungen wichtig ist, weil sie vielleicht unsere oft abgewehrte Annäherung an die Sterblichkeit ein wenig mindert und es uns ermöglicht, mit diesem Thema, das für viele ein Tabu ist, doch ins Gespräch zu kommen.
Was kann die Kirche noch tun? Die Kirche leistet mit all ihren Ritualen, die unser Leben vom Beginn bis zum Ende durchziehen, eine wahnsinnig große Aufgabe. An wichtigen Wendepunkten bieten die Kirchen Rituale an, in denen sie aus dem Glauben heraus neue Lebensphasen, neue Lebenserfahrungen segnen und neuen Lebensperspektiven einen Raum eröffnen und eine Bedeutung geben. Und das endet ja nicht beim Tod.
Ich bin sehr oft bei Begräbnisfeiern. Das ist ein tolles deutsches Wort: Wir sprechen von der Begräbnis-Feier. Ich kenne „Feier“ auch vom Geburtstag oder vom Abitur. Wir sprechen aber eben auch von der Begräbnisfeier.
Die Kirche hat hier einen wirklich wichtigen Dienst zu verrichten: den Menschen im Übergang in diese unserer Verfügung entzogenen, neue Welt hinüberzuführen.
Und da macht die Kirche etwas ganz Spannendes. Ich spreche jetzt für die katholische Kirche, weil ich nur das katholische Ritual kenne. Das katholische Ritual hält etwas Wunderbares bereit: Es spricht in den ganz bedeutsamen Momenten des Begräbnisses den verstorbenen Menschen noch einmal als Person an.
Vorher wird über ihn gesprochen und für ihn gebetet. Jetzt aber am Grab selber wird der Verstorbene noch einmal als Person angesprochen, mit seinem Namen. Zum Beispiel: „Jürgen Schmitz“ oder „Angelika Müller“. Und dann heißt es sinngemäß: Am Beginn deines Lebens hat Gott dich in der Taufe mit seinem Segen beschenkt. Jetzt hat er dich in seine Ewigkeit berufen und dir dort eine Heimat bereitet.
Wir sagen dem Verstorbenen als Person, die wir ja auch als Person in Erinnerung behalten, noch einmal eine neue Existenzweise, eine neue Existenzform in einer neuen Wirklichkeit, in einer neuen Heimat zu.
Ich verwende ganz oft aus den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium den Gedanken von den Wohnungen beim Vater: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe hin, um euch einen Platz zu bereiten?“ (Joh, 14,1)
Eigentlich setzt der biblische Autor voraus, dass die Menschen das verstehen. Und dann kommt aber, wie immer in solchen Fällen, Thomas, der ungläubige, der zweifelnde Thomas. Er sagt: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie sollen wir den Weg kennen? (Joh 14,5)
Und das ist die spannende Frage: Wie werden wir diesen Weg finden? Die Zusage Jesu ist: „Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Das ist die Zukunftsperspektive über den Tod hinaus.
Ich glaube, wir haben als Kirchen genau diese Verantwortung und Verpflichtung: den Menschen bis zu ihrem Tod und auch über die Grenze des Todes hinaus eine Perspektive zu eröffnen, von der wir noch nicht wissen, wie sie sich wirklich realisieren lässt.
Thomas bringt es in seinem Zweifel zum Ausdruck: Wir wissen es nicht. Wie geht es denn? Es ist die Aufgabe der Kirchen, in diesem Zweifeln und Suchen der Menschen da zu sein und mit zu gehen.
Dafür brauchen wir Trauerfeiern in den Gottesdiensträumen. Dafür brauchen wir Gesprächsräume, in denen die Fragen der Menschen nach der Zukunft und nach dem Leben immer wieder neu gestellt werden dürfen.
Wir sprechen in der Metapher vom ewigen Leben. Ich habe mir angewöhnt – das habe ich von meinem Diakonatspfarrer Gerhard Dane vor 44 Jahren gelernt –, nicht vom ewigen Leben zu sprechen, sondern vom „Leben ohne Grenzen“.
Wir leben jetzt in einem Leben mit Grenzen. Auch Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten, erleben eine Grenze. Sie mussten wieder zurückkommen. Nach dem wirklichen Sterben, nach dem Tod sprechen wir in der Begräbnisfeier dann zum Gestorbenen: Jetzt bist du in einem neuen Lebensraum, der ein Raum des Lebens ohne Grenzen ist.
Wir können uns das nicht vorstellen. Aber wir können es glauben.
Ich danke für das Gespräch.








