Mein Gottvertrauen war erschüttert

Kirsten Eidenmüller

Frau Kirsten Eidenmüller ist bei der evangelischen Kirchengemeinde in Düsseldorf-Mitte tätig, zu der die Gemeindemitglieder der Kreuzkirche und der Neanderkirche zählen. Ich freue mich, dass ich ihr die folgenden Fragen stellen durfte.

Frau Eidenmüller, Sie arbeiten im Gemeindebüro der Neanderkirche. Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen? Ist sie rein verwaltungsmäßig geprägt oder sind Sie trotz dieser Bürotätigkeit nahe an den Menschen?

Frau Eidenmüller: Mein Büro befindet sich direkt neben der Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt. Damit habe ich sicherlich einen der schönsten Arbeitsplätze in Düsseldorf und ich bin tatsächlich nahe an den Menschen! Denn mein Büro ist Anlaufstelle für viele Belange. Natürlich für ganz „normale“ Verwaltungsaufgaben wie beispielsweise das Erstellen des Gottesdienstblatts oder der Verwaltung der Barkasse.

Mein großes Glück ist es, dass ich viel mit Menschen in Kontakt bin.

Aber hier geschieht auch direkte Beziehungsarbeit. Mein großes Glück ist es, dass ich viel mit Menschen in Kontakt bin. Das empfinde ich als große Bereicherung. Ich bin sowohl als Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen im Bereich der Gemeindebriefverteilung und der offenen Kirche gefragt, als auch erste Anlaufstelle für Menschen, die in Not sind. Ebenso begleite und unterstütze ich die gottesdienstlichen Angebote und stehe im direkten Austausch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern.

Neanderkirche, Düsseldorf
Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihre Tätigkeit aus?

Frau Eidenmüller: Ja, Corona. Ich versuche, viele Kontakte aufrecht zu halten. Zu den Ehrenamtlichen, aber auch zu vielen anderen Gemeindemitgliedern. Einigen schicke ich die Sonntagspredigten oder rufe sie einfach mal an. Außerdem freue ich mich, wenn ich auf Gemeindemitglieder treffe oder sie am Fenster sehe.

Ich weiß, dass Sie vor einigen Jahren von einem Schicksalsschlag getroffen wurden, von dem sich ein Mensch zu Lebzeiten nicht wieder erholen kann. Wie hat sich das damals auf Ihre Beziehung zu Gott ausgewirkt? Kann man in solchen Zeiten überhaupt noch an einen “guten” Gott glauben?

Frau Eidenmüller: Der Tod meines Sohnes Julius war für mich, aber auch für die ganze Familie, sehr einschneidend. Den „lieben Gott“ gab es erst mal nicht mehr. Mein Gottvertrauen war sehr erschüttert. Ich hatte Fragen nach dem Warum, warum ich? Für mich stellte sich auch die Frage: Hast du nicht genug geglaubt, nicht genug gebetet? Und ich musste auch erst begreifen, dies nicht als Strafe Gottes anzusehen.

Wie ist es Ihnen gelungen, Ihren Frieden nach dem Erlebten mit Gott wiederzufinden?

Frau Eidenmüller: Es hat lange gedauert, wieder Vertrauen zu Gott aufzubauen und auch jetzt gibt es noch die Momente, in denen ich hadere. Aber ich denke, Gott hat mich immer behütet in dieser Zeit, als dunkle Gedanken kamen, und hat mir dann gute Menschen zur Seite gestellt. Außerdem fühlte ich mich durch meine Kirchengemeinde gestützt und getragen.

Kanzel in der Neanderkirche
Kanzel in der Neanderkirche

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich…” ​

Frau Eidenmüller: Gebet ist für mich Einkehr, Schutz und Hoffnung. Dieser Text von Dietrich Bonhoeffer war und ist mir oft hilfreich. Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich denke, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind.

Ich glaube auch, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich denke, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es für Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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