Manchmal reicht der nächste Schritt

Der nächste Schritt

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Matthäus 9,9

Es gibt Momente im Leben, in denen die gewohnte Routine ins Wanken gerät. Ein neues Jobangebot, der Gedanke, in eine andere Stadt zu ziehen, eine Begegnung, die etwas in uns auslöst, oder einfach dieses Gefühl: So wie bisher soll es nicht weitergehen. Oft reagieren wir auf solche Momente zunächst mit Zögern. Das Vertraute gibt Sicherheit, während wir beim Unbekannten nicht wissen, was uns erwartet. Also wägen wir ab, rechnen Möglichkeiten durch und fragen uns vielleicht zuerst: Was habe ich zu verlieren?

Eine andere Frage könnte allerdings ebenso wichtig sein: Was könnte entstehen, wenn ich mich auf etwas Neues einlasse? Denn manchmal halten wir nicht deshalb am Alten fest, weil es noch wirklich zu uns passt, sondern weil wir Angst davor haben, das Vertraute aufzugeben. Dabei muss ein neuer Weg nicht automatisch der bessere sein. Nicht jede Veränderung führt zu dem erhofften Ergebnis, und auch Umwege gehören zum Leben. Aber wer niemals losgeht, wird auch nicht erfahren, wohin der Weg hätte führen können.

„Folge mir!“ – Der nächste Schritt

Eine besonders ungewöhnliche Weggabelung begegnet uns im Matthäusevangelium. Jesus sieht einen Mann namens Matthäus an der Zollstelle sitzen. Matthäus ist Zöllner – also jemand, der bei vielen Menschen keinen besonders guten Ruf genießt. Jesus bleibt bei ihm stehen und sagt lediglich: „Folge mir!“ Und dann heißt es: „Und er stand auf und folgte ihm.“ (Matthäus 9,9)

Mehr erfahren wir an dieser Stelle zunächst gar nicht. Jesus erklärt Matthäus nicht, was ihn erwartet. Er verspricht ihm keinen einfacheren Weg und legt ihm auch keinen Plan für die kommenden Jahre vor. Matthäus weiß vermutlich selbst nicht, was aus diesem ersten Schritt entstehen wird. Er weiß nur: Da ist jemand, der ihn ruft.

Genau darin liegt für mich etwas Bemerkenswertes. Wenn wir vor wichtigen Entscheidungen stehen, wünschen wir uns häufig möglichst viel Sicherheit. Wir möchten wissen, was am Ende herauskommt, bevor wir den ersten Schritt machen. Matthäus bekommt diese Sicherheit nicht. Er muss sich auf einen Weg einlassen, dessen Verlauf er noch nicht kennt.

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Und vielleicht ist das manchmal auch unsere Situation. Wir stehen an einer Weggabelung und warten darauf, dass uns jemand garantiert, dass wir die richtige Richtung wählen. Doch eine solche Garantie gibt es im Leben nur selten. Manchmal besteht der erste Schritt deshalb nicht darin, bereits alle Antworten zu kennen, sondern darin, Vertrauen zu wagen.

Nicht jeder neue Weg beginnt mit Gewissheit

Dabei würde ich aus der Geschichte des Matthäus keine Aufforderung machen, nun möglichst mutig jede Veränderung anzunehmen. Nicht jede neue Möglichkeit ist eine gute Möglichkeit. Nicht jede vertraute Situation muss verlassen werden. Und manchmal ist es sogar richtig, zunächst abzuwarten.

Aber vielleicht lohnt es sich, bei der nächsten Entscheidung eine andere Frage zu stellen: Was hält mich eigentlich zurück – und was könnte mich weiterführen? Ist es wirklich Vernunft, die mich zögern lässt? Oder ist es vielleicht nur die Angst davor, das Vertraute loszulassen?

Matthäus konnte nicht wissen, wohin sein Weg mit Jesus führen würde. Aber er konnte den ersten Schritt gehen. Und vielleicht müssen auch wir manchmal gar nicht den ganzen Weg kennen. Vielleicht reicht es, den nächsten Schritt zu erkennen.

Für mich liegt darin auch eine tröstliche Seite des Glaubens. Christliches Vertrauen bedeutet nicht, dass wir immer wissen, was morgen kommt. Es bedeutet auch nicht, dass jede Entscheidung automatisch gelingen wird. Es kann vielmehr heißen: Ich muss meinen Weg nicht ganz allein kennen. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mitgeht, auch wenn ich selbst den weiteren Verlauf noch nicht sehe.

Vielleicht steht gerade deshalb manchmal am Anfang eines neuen Weges gar keine große Gewissheit. Vielleicht steht dort nur eine leise Einladung: Komm. Geh den nächsten Schritt.

Und manchmal zeigt sich erst danach, wohin dieser Schritt geführt hat.

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