Ahmad Milad Karimi ist Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik sowie Direktor der Forschungsstelle Theologie der Künstlichen Intelligenz (FSTKI) an der Universität Münster.
Ich freue mich, dass Herr Prof. Dr. Karimi sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.
Frage: Herr Prof. Dr. Karimi, wie sind Sie als Theologe dazu gekommen, sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz zu befassen?
Ahmad Milad Karimi: Die Künstliche Intelligenz stellt nicht zuerst technische, sondern anthropologische Fragen. Sie fordert uns heraus, neu darüber nachzudenken, was den Menschen eigentlich ausmacht. Als Theologe interessiert mich deshalb weniger, was Maschinen künftig leisten können, sondern welches Menschenbild sich in ihrer Entwicklung ausdrückt. Jede Technik ist auch Ausdruck eines bestimmten Verständnisses vom Menschen. Wer über Künstliche Intelligenz nachdenkt, kommt deshalb an den grundlegenden Fragen nach Freiheit, Verantwortung, Würde und Transzendenz nicht vorbei.
Frage: Künstliche Intelligenz kann heute Texte schreiben, Bilder erzeugen und Entscheidungen unterstützen. Was macht den Menschen dennoch unverwechselbar – aus theologischer Sicht?
Ahmad Milad Karimi: Der Mensch erschöpft sich nicht in seinen Fähigkeiten. Er ist mehr als die Summe seiner Leistungen. Seine Würde gründet nicht darin, dass er besonders intelligent oder effizient ist, sondern darin, dass er Person ist. Der Mensch liebt, hofft, leidet, erinnert sich, trägt Verantwortung und steht in Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen. Gerade seine Fehlbarkeit, seine Endlichkeit und seine Fähigkeit, Sinn zu suchen, machen ihn unverwechselbar. Der Mensch ist kein Algorithmus mit Bewusstsein, sondern ein Geschöpf, dessen Leben sich niemals vollständig berechnen lässt.
Frage: Kann der Glaube helfen, der Entwicklung Künstlicher Intelligenz mit mehr Gelassenheit zu begegnen?
Ahmad Milad Karimi: Ja. Glaube bedeutet Vertrauen. Dieses Vertrauen bewahrt davor, jede technische Entwicklung entweder zu vergötzen oder zu verteufeln. Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit, sondern die Fähigkeit, Maß zu halten. Der Glaube erinnert daran, dass der Mensch nicht alles kontrollieren muss und auch nicht alles kontrollieren kann. Technik kann vieles verändern, aber sie beantwortet nicht die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Diese Frage bleibt dem Menschen aufgegeben.
Frage: Wenn Sie einem Menschen, der sich angesichts der rasanten technischen Entwicklungen verunsichert fühlt, einen Gedanken mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?
Ahmad Milad Karimi: Die Zukunft entscheidet sich nicht allein daran, was technisch möglich wird, sondern daran, wie wir als Menschen mit diesen Möglichkeiten umgehen. Deshalb sollten wir weniger Angst vor der Technik haben als davor, unser eigenes Menschsein aus dem Blick zu verlieren. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Maschinen immer klüger werden, sondern ob wir selbst weise genug bleiben, mit ihnen zu leben.
Frage: Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? „Gebet ist für mich …“
Ahmad Milad Karimi: Gebet ist für mich, sich der Poesie der Unverfügbarkeit hinzugeben. Es ist die Einübung in ein Vertrauen, das nicht aus Gewissheiten lebt, sondern aus der Offenheit für Gott. Wer betet, versucht nicht, über Gott zu verfügen, sondern lässt sich von seiner Gegenwart verwandeln.








