Wenn die Kraft nicht mehr reicht

Kommt alle zu mir

Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
(Matthäus 11,28)

„Ich möchte nach einer schmerzhaften Trennung endlich meine Lebensfreude wiederfinden.“ „Meine Tochter hat bald Konfirmation und ich stecke immer noch in einer Depression. Ich habe noch nicht einmal die Kraft, mit ihr ein Kleid zu kaufen – es tut mir so leid für sie.“ „Ich habe Krebs im Endstadium.“

Solche und ähnliche Gebetsanliegen erreichen mich Woche für Woche. Für jedes einzelne formuliere ich in aller Ruhe ein persönliches Gebet, das ich anschließend in ein Gotteshaus trage.

Nun könnte man denken, der Bibelvers „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ sei auf meinen Bet-Dienst gemünzt. Wer meine Website nicht kennt, könnte ihn sogar für den Leitsatz von „Ich bete für dich“ halten.

Nein, das ist er natürlich nicht.

Mit diesen Worten des Apostels Matthäus lädt vielmehr Jesus Menschen ein, die unter der Last ihres Lebens leiden. Menschen, die krank sind, trauern oder nicht mehr wissen, wie sie den nächsten Tag bewältigen sollen. Menschen, die erschöpft sind – körperlich, seelisch oder vielleicht sogar im Glauben.

Ein Wort, das fast vergessen wurde

Und dann kommt dieses alte Wort: „Ich will euch erquicken.“

Wann haben Sie es zuletzt gehört?

Es gehört zu den Begriffen, die im Alltag kaum noch vorkommen und doch etwas ausdrücken, das wir bis heute gut gebrauchen könnten.

„Erquicken“ bedeutet mehr, als sich einfach ein wenig auszuruhen. Es meint, neue Kraft zu schöpfen, innerlich aufzuleben, wieder Hoffnung zu gewinnen. Es beschreibt einen Menschen, der nach einer langen Durststrecke wieder aufatmen kann.

Dieses Bild erinnert mich an die ersten Jahrhunderte des Christentums. In manchen Kirchen der Spätantike wurden Täuflinge vollständig in ein großes Taufbecken hinabgetaucht. Wenn sie wieder daraus hervorkamen, war das mehr als ein äußerer Vorgang. Das Wasser wurde zum sichtbaren Zeichen eines neuen Anfangs, eines neuen Lebens mit Gott.

Vielleicht hilft dieses Bild auch dabei, das alte Wort „erquicken“ besser zu verstehen. Es geht nicht um eine kurze Pause, sondern um eine Erneuerung, die tiefer reicht als bloße Erholung.

Jesus verspricht kein problemloses Leben

Trotzdem fällt mir an diesem Bibelvers noch etwas anderes auf. Jesus sagt nicht: „Kommt zu mir, und eure Probleme verschwinden.“ Er verspricht auch nicht, dass Krankheiten geheilt, Beziehungen wiederhergestellt oder alle Sorgen auf einmal verschwinden. Das würden wir uns vermutlich wünschen. Aber genau das sagt er nicht.

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Stattdessen lädt er die Menschen ein, mit ihrer Last zu ihm zu kommen. Das finde ich bemerkenswert. Denn viele von uns versuchen zunächst, alles allein zu schaffen. Wir wollen stark sein, niemandem zur Last fallen und unsere Probleme selbst lösen. Erst wenn wir merken, dass unsere Kraft nicht mehr reicht, denken wir vielleicht an Gott.

Dabei stellt Jesus keine Bedingungen. Er fragt nicht, warum ein Mensch erschöpft ist. Er unterscheidet nicht zwischen selbst verschuldeten und unverschuldeten Lasten. Seine Einladung gilt einfach allen, die müde geworden sind und sich nach neuer Kraft sehnen.

Eine Einladung, die bis heute gilt

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieser Vers so berührt. Die Menschen, die sich mit ihren Gebetsanliegen an mich wenden, wünschen sich oft nichts sehnlicher, als dass ihre Last verschwindet. Manchmal geschieht das. Oft aber bleibt die schwierige Situation zunächst bestehen.

Und dennoch erzählen mir viele später, dass sich etwas verändert hat. Nicht unbedingt die äußeren Umstände, wohl aber ihr Inneres. Sie fühlen sich getröstet, getragen oder finden neue Kraft für den nächsten Schritt. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Jesus sagt: „Ich will euch erquicken.“

Nicht jede Last wird sofort leichter. Aber niemand muss sie allein tragen. Vielleicht beginnt Erquickung genau dort: in dem Vertrauen, dass wir mit allem, was uns belastet, zu Gott kommen dürfen – so, wie wir sind. Ohne große Worte. Ohne Vorbedingungen.

Und genau deshalb berührt mich dieser Vers auch im Blick auf meinen Bet-Dienst. Viele Menschen schreiben mir, weil sie selbst keine Kraft mehr finden zu beten. Dann darf ich ihre Sorgen stellvertretend vor Gott bringen. Nicht, weil ich ihre Lasten tragen könnte, sondern weil ich darauf vertraue, dass Jesus seine Einladung bis heute ernst meint:

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

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