Warum tun sich die Kirchen mit Nahtoderfahrungen so schwer?

Franz Dschulnigg Nahtoderfahrungen



Franz Dschulnigg ist verantwortlich für den YouTube-Kanal „Empirische Jenseitsforschung“, auf dem Menschen von ihren Nahtoderfahrungen und besonderen Wahrnehmungen berichten. Zu sehen sind fast 300 Videos, die in den letzten 15 Jahren von ihm gedreht und hochgeladen wurden. Franz Dschulniggs Ziel ist es, das Thema Tod zu enttabuisieren und in die Gegenwart zu holen.

Ich freue mich, dass Herr Dschulnigg sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.

Herr Dschulnigg, Kritiker werfen der Nahtodforschung oft vor, sie sei subjektiv, nicht überprüfbar oder gefährlich vereinfachend. Was entgegnen Sie solchen Einwänden – gerade auch im Blick auf die jahrzehntelange Sammlung von Erfahrungsberichten auf Ihrem Kanal?

Franz Dschulnigg: Kritiker, die behaupten, die Nahtodforschung sei grundsätzlich nicht überprüfbar, vermeiden oft eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik. Häufig liegt dem weniger eine sachliche Analyse zugrunde als vielmehr die Sorge, dass solche Phänomene das eigene, fest etablierte Weltbild in Frage stellen könnten.

Gerade dort, wo Erkenntnisse nicht vollständig in bekannte naturwissenschaftliche Modelle passen, entsteht bisweilen ein reflexartiges Abwehrverhalten. Dabei wird oft übersehen, dass die Nahtodforschung keineswegs ein modernes Randphänomen ist. Menschen berichten seit Jahrhunderten von aussergewöhnlichen Bewusstseins- und Grenzerfahrungen, die sich in ihren Grundmustern bemerkenswert ähneln.

Lange vor bekannten Forschern wie Elisabeth Kübler-Ross oder Raymond Moody wurden solche Erlebnisse bereits untersucht. Ein frühes Beispiel ist der deutsche Forscher Dr. Emil Mattiesen, der bereits 1936 sein dreibändiges Werk „ Das persönliche Überleben des Todes “ veröffentlichte.

Darin dokumentierte und analysierte er zahlreiche Formen spiritueller Erfahrungen, die auch heute in der Nahtod- und Bewusstseinsforschung immer wieder beschrieben werden. Dass seine Arbeiten kaum öffentliche Beachtung fanden, lag weniger an ihrem Inhalt als an den historischen Umständen jener Zeit, in der andere Ereignisse und Personen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dominierten.

In den vielen Nahtoderfahrungen, die Sie dokumentiert haben, tauchen immer wieder ähnliche Motive auf: das Verlassen des Körpers, ein Lebensrückblick, tiefe Liebe, Verbundenheit und Begegnungen mit Verstorbenen.

Welche Erklärung haben Sie dafür, dass sich die Kirchen so schwer tun, diese Erfahrungsberichte ernsthaft in ihre Verkündigung und Theologie einzubeziehen?

Franz Dschulnigg: Die Gründe, weshalb sich die Kirchen bis heute schwertun, solche Erfahrungsberichte in ihre Verkündigung einzubeziehen, liegen vor allem in der historischen Entwicklung der Theologie. Dabei muss man zwischen der evangelischen und der katholischen Tradition unterscheiden. In beiden Fällen haben einflussreiche Theologen und Kirchenväter über Jahrhunderte hinweg bestimmte Jenseitsvorstellungen geprägt. Diese fest etablierten Lehrbilder machen es schwierig, neuere Erkenntnisse – etwa aus Nahtoderfahrungen – aufzunehmen, ohne in Spannung zu bestehenden theologischen Lehren zu geraten.

Gleichzeitig gab es jedoch immer wieder Theologen, die erkannt haben, dass hier Klärungsbedarf besteht. Ein lebendigeres Jenseitsverständnis, wie es aus Nahtoderfahrungen gewonnen werden kann, hätte durchaus das Potenzial, Gläubigen eine tiefere, persönlichere Beziehung zum christlichen Glauben zu eröffnen. Ob und in welchem Umfang solche Impulse aufgegriffen werden, liegt letztlich im Ermessen der kirchlichen Leitungen – und in ihrer Bereitschaft, überlieferte Jenseitsbilder kritisch zu überprüfen und der Kirche neue geistige Perspektiven zu eröffnen.

Viele dieser Berichte scheinen zentrale christliche Hoffnungsbilder – etwa Weiterleben, Beziehung, Liebe über den Tod hinaus – eher zu bestätigen als zu widerlegen. Worin sehen Sie den größten Unterschied zwischen dem, was Nahtoderfahrungen schildern, und dem, was Kirchen traditionell über Tod und Jenseits lehren?

Franz Dschulnigg: Vielleicht lohnt es sich, erneut einen Blick in die biblischen Schriften zu werfen. In den Evangelien ist wiederholt von Engeln die Rede, die Christus dienten, und auch Menschen in seinem Umfeld machten aussergewöhnliche Erfahrungen. Das deutet darauf hin, dass die jenseitige Welt für die Menschen jener Zeit eine reale und gegenwärtige Dimension war.

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Es stellt sich daher die berechtigte Frage, warum dies heute anders sein sollte. In der katholischen Kirche ist das Jenseitsverständnis stark durch dogmatische Festlegungen geprägt, die wesentlich von bestimmten Kirchenvätern beeinflusst wurden. Diese Lehrtraditionen erschweren es bis heute, neue Erfahrungsberichte unvoreingenommen in die Verkündigung zu integrieren.

In der evangelischen Theologie wiederum verfolgte man im 20. Jahrhundert das Ziel, die Bibel zu entmythologisieren, um sie für den modernen Menschen glaubwürdiger zu machen. Engel, Dämonen und Wunder wurden dabei häufig als Ausdruck eines antiken Weltbildes interpretiert.

Dieser Ansatz hat aber nicht zu mehr Glaubwürdigkeit geführt, sondern schlicht das Gegenteil bewirkt. Die heutige Jenseitsforschung zeigt anhand zahlreicher Erfahrungsberichte, dass Phänomene wie Begegnungen mit geistigen Wesen, ausserkörperliche Wahrnehmungen oder transzendente Erfahrungen keineswegs der Vergangenheit angehören, sondern auch in unserer Zeit beobachtet werden.

Viele Menschen spüren eine tiefe Sehnsucht nach Hoffnung, Sinn und einer Perspektive über den Tod hinaus; gerade in einer Zeit, in der traditionelle religiöse Gewissheiten brüchiger werden. Was möchten Sie Menschen, aber vielleicht auch den Kirchen, aus Ihrer langjährigen Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen mit auf den Weg geben?

Franz Dschulnigg: Aus meiner langjährigen Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen möchte ich vor allem eines weitergeben: Es gibt ein Leben nach dem Tod, ob man nun daran glaubt oder nicht. Sehr viele Menschen, die eine solche Erfahrung gemacht haben, berichten unabhängig voneinander von einer jenseitigen Wirklichkeit und von dem intensiven Empfinden, an diesem Ort wieder „nach Hause“ zu kommen. Gleichzeitig zeigen diese Berichte, dass es im Kern weniger um religiöse Zugehörigkeit geht als um die innere Haltung eines Menschen: um Liebe, Verantwortung, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und um das, was wir aus unserem Leben machen.

Den Kirchen würde ich mit auf den Weg geben, spirituelle Erfahrungsberichte nicht vorschnell zu relativieren oder zu marginalisieren. In der Bibel selbst finden wir zahlreiche Hinweise auf jenseitige Wirklichkeit, Engel, Visionen und aussergewöhnliche Erfahrungen. Die Nahtoderfahrungsforschung knüpft in gewisser Weise an diese Überlieferungen an und zeigt, dass solche Erfahrungen auch heute noch Wirklichkeit sind. Wenn Kirchen den Mut hätten, diese Erfahrungen ernst zu nehmen, könnten sie vielen Menschen wieder eine Sprache für Hoffnung, Sinn und Transzendenz anbieten – nicht als Rückkehr zu Angst oder Dogma, sondern als einen Lebenshorizont, der über das irdische Sterben hinausreicht.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich…”

Franz Dschulnigg: Gebet ist für mich eine Form der inneren Verbindung zu Gott, dem Ursprung allen Lebens. Gott ist Geist – und insofern sind auch wir Menschen in unserem innersten Wesen geistige Wesen. Zugleich leben wir auf dieser Erde, die uns als Erfahrungsraum gegeben ist, um zu reifen, zu lernen und uns geistig weiterzuentwickeln.

Diese Aufgabe anzunehmen ist nicht immer leicht. Gerade im Gebet jedoch können wir uns immer wieder neu ausrichten und Kraft schöpfen – eine Kraft, die uns hilft, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und unseren Weg bewusster zu gehen, im Vertrauen darauf, dass wir auch von geistiger Seite begleitet und geführt werden.

Ich danke für das Gespräch.

Hinweis: Mit Franz Dschulnigg habe ich schon einmal ein Gespräch zum Thema Nahtoderfahrungen führen können: Es gibt ein Leben nach dem Tod.

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