St. Karl in Köln: Wie eine fast leere Kirche neu erwachte

Hanno Sprissler Kirche für Leib und Seele Köln

Hanno Sprissler wirkt als Diakon an St. Karl – Kirche für Leib und Seele in Köln-Sülz. Zusammen mit einem Team engagierter Frauen und Männer hat er eine Kirche, die lange Zeit nur noch von wenigen Gläubigen besucht wurde, zu einem Ort neuen, vielfältigen Lebens gemacht.

Ich freue mich, dass Hanno Sprissler sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.

Was ist das Besondere an der „Kirche für Leib und Seele“ und worin unterscheidet sich dieses Projekt von klassischer Gemeindearbeit oder reiner Sozialpastoral?  

Hanno Sprissler: Die Angebote an St. Karl richten sich an alle Menschen – unabhängig von Religiosität oder Hintergrund – und sollen stärken, sowohl existenzsichernd durch Ausgabe von Lebensmitteln, Essen, Kleidung, Haushaltswaren sowie Beratung, als auch auf spirituelle Weise, durch kreativ-, tanz- und musiktherapeutische Formate, durch Selbsthilfegruppen und Workshops. Zu den stärkenden, spirituellen Angeboten gehört selbstverständlich auch die traditionelle Liturgie mit Eucharistie- und Wortgottesfeier oder Anbetung.

In St. Karl fassen wir die Definition von „Gottesdienst“ weiter, gemäß des Christuswortes: „was ihr dem Geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40) Somit ist für uns caritativ und spirituell stärkendes Angebot ebenso Gottesdienst, im Sinne einer „Realpräsenz Christi im Geschwächten“. (Ganz ähnlich sieht das ja auch Papst Leo XIV in seinem Schreiben „Dilexi te“). Deshalb gehört diese Form des Gottesdienstes für uns auch unzweifelhaft in den Kirchraum.

Bekanntlich ist das wichtigste, christliche Gebot die Liebe zu Gott, dem Nächsten und sich selbst. Gott kann ich in allem finden und lieben; durch Wertschätzung der Schöpfung, Selbst- und Nächstenliebe. Diesen Anspruch setzen wir um, indem wir noch verwendbare Lebensmittel und Waren retten und ausgeben, alles Dinge, die andere im Müll entsorgen würden. Doch für uns ist auch das nur ein Vehikel, um geschwächten Menschen Wertschätzung, Anerkennung und Würde zu schenken. Menschlichkeit und Geborgenheit sind die wesentlichen Geschenke der Angebote an St. Karl!

Dieser christliche Hintergrund und Rahmen ist durch den Kirchenraum und das überlebensgroße Kreuz im Altarraum für alle Gäste sehr deutlich erkennbar. Dennoch sind sämtliche Angebote offen für alle Menschen, egal ob Gäste oder Engagierte. Für uns ist es nicht wichtig, ob ein im Kern christliches Handeln aus muslimischen, buddhistischen, andersreligösen oder gar humanistischen Gründen erfolgt. Das Ergebnis, oder biblisch gesprochen „die Früchte“ (Mt 7,16 ff) sind wesentlich.

Das Projekt verbindet sehr konkret soziale Hilfe mit spirituellen Angeboten. Wie gelingt es, beides gleichwertig nebeneinander zu halten?

Hanno Sprissler: Neben zwei Messen pro Woche und einem Taizégebet einmal im Monat gab es anfangs noch nicht viel ergänzend Spirituelles in St. Karl. Begonnen haben wir die Nutzungserweiterung Ende 2020 mit den existenzsichernden, caritativen Angeboten. Was mit fünf Ehrenamtlichen und 50 Gästen begann, wuchs immer stärker an. Vor allem durch die spürbare Öffnung der Kirche über die katholischen Angebote und Grenzen hinaus kommen von den Engagierten immer mehr Ideen und Anregungen, was noch dem Ziel der heilsamen Stärkung geschwächter Menschen dienen könnte. Darunter sind auch zunehmend spirituelle Projekte. Letztlich schaffen wir „nur“ den Raum und helfen dabei, dass die Menschen ihre Ideen umsetzen können, was für mich dem Wesen von Gemeinde entspricht.

Mittlerweile stoßen wir allerdings an die zeitlichen Grenzen der Kirchennutzung. Aber ist es nicht wunderbar sagen zu können, dass eine Kirche so gut genutzt wird, dass es schwierig wird, freie Termine zu finden? Heute haben wir – Caritatives und Spirituelles zusammengenommen – in St. Karl rund 150 Engagierte und 400 bis 600 Gäste jede Woche! Von der Zahl der Gäste ausgehend, sind die caritativen Angebote die größeren, von der Zahl der Inhalte und den genutzten Zeiten her, sind die spirituellen Angebote die umfangreicheren.

Gab es Widerstände oder Skepsis – innerhalb der Gemeinde oder darüber hinaus? Wie sind Sie und Ihr Team mit Kritik oder Ängsten umgegangen?

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Hanno Sprissler: Veränderung ist bekanntlich immer schwierig, vor allem für die, die sich ändern müssen. So war es auch bei einzelnen Gemeindemitgliedern. Da die Kirche aber, wie bereits erwähnt, kaum noch eine pastorale Bedeutung hatte und die Schließung dieses sterbenden Ortes sehr realistisch war, hielt sich die negative Kritik in Grenzen: Vor der Nutzungserweiterung gab es dort eine Messe am Dienstagvormittag mit rund fünf Gemeindemitgliedern und eine am Vorabend mit 15 bis 20 Mitfeiernden.

Meist waren die kritisierenden Menschen, diejenigen, die in St. Karl getauft wurden, zur Erstkommunion und Firmung gegangen sind und vielleicht sogar dort geheiratet haben. Für sie war die Veränderung ein großer Abschied vom jahrzehntelang Altbekannten und Gewohnten. Aber ich kenne niemanden der oder die nicht spätestens nach einer Besichtigung und der Erläuterung des Konzepts den Wert erkannt hat und angetan, in den meisten Fällen sogar begeistert war.

Wirklich schwierig waren und sind nur einzelne, machtvolle Mitglieder des Kirchenvorstands die selbst entscheiden, keine Befugnisse abgeben wollen oder persönliche Aversionen haben. Sie haben gebremst, schlecht geredet und Steine in den Weg gelegt. Aber auch sie sind heute – nach dem nicht zu leugnenden Erfolg des Projekts – Befürwortende der Nutzungserweiterung … zumindest nach außen.

Wenn Sie auf andere Kirchorte blicken, die um ihre Zukunft ringen: Was lässt sich aus „Kirche für Leib und Seele“ übertragen und was ist möglicherweise bewusst nicht kopierbar?

Hanno Sprissler: Meines Erachtens liegt der Erfolg des Konzepts von St. Karl im Erkennen und Anerkennen der Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Wir haben zu Beginn eine Sozialraumanalyse angefertigt, dazu geschaut, was es an Initiativen in der Nachbarschaft gibt, was die Menschen im Stadtteil brauchen, suchen, nutzen und anbieten. Deshalb entspricht das, was in St. Karl an Leben entstanden ist, den Bedürfnissen der Menschen im Veedel.

Aus diesem Grund lässt sich zwar das Angebot nicht 1:1 auf andere Kirchorte übertragen, das Konzept hingegen schon: Überall wo Menschen zusammenleben gibt es Notwendigkeiten, Bedürfnisse und Schwachstellen. Ich glaube, dass die schnell erkennbar werden, wenn wir aufmerksam zuhören, wahrnehmen, sehen und spüren … und dann dem Erkannten mit viel Toleranz Raum geben. Und ich bin darüber hinaus fest davon überzeugt, dass Spiritualität und Transzendenz zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen gehören. Da kann Kirche stark sein, wenn sie nicht autoritär und bestimmend auftritt, sondern authentisch, wertschätzend und liebevoll.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? Gebet ist für mich …”

Hanno Sprissler: Gebet ist für mich vielfältig: Es ist einerseits Dankbarkeit in der Anerkennung dessen, was ich ganz unverdient geschenkt bekommen habe. Dadurch wird es eine immer wieder bewusst aufflackernde Haltung, die mich durch den Tag begleitet. Gebet ist für mich aber insbesondere die Verbundenheit durch, mit und in göttlicher Liebe, eine Verbundenheit mit anderen und dem Seienden, die am intensivsten in stiller Präsenz und Offenheit erfahrbar wird.

Ich danke für das Gespräch.


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