Ich habe meine Mutter beim Sterbefasten begleitet

Christiane zur Nieden

Frau Christiane zur Nieden ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und seit 35 Jahren ehrenamtlich als Sterbe- und Trauerbegleiterin tätig. Als Sterbebegleiterin stand sie auch ihrer eigenen Mutter bei, die sich Anfang 2010 als 88-jährige nach monatelangen Überlegungen entschloss, ihrem Leben mit Sterbefasten ein Ende zu setzen. Ich freue mich, dass Frau zur Nieden sich für die Beantwortung der folgenden Fragen bereitgefunden hat. 

Frau zur Nieden, ich selbst habe vor wenigen Jahren an einem Vorbereitungskurs zur Sterbebegleitung teilgenommen und ihn leider auf halber Strecke abbrechen müssen, weil mich schon die theoretische Befassung mit dem Thema Sterben zu sehr belastete. Wie erging es Ihnen, als Ihre Mutter zum ersten Mal den Wunsch äußerte, ihr Leben mit Sterbefasten zu beenden? 

Christiane zur Nieden: Im ersten Moment war ich erschüttert und fühlte mich tief betroffen. Aber ich konnte mich in intensiven, offenen Gesprächen den Argumenten meiner Mutter öffnen und ihren Wunsch nachvollziehen. Jedoch musste ich mich aber auch vergewissern, dass ich nicht Mitverantwortung trage an ihrem Entschluss, nichts unversucht gelassen habe, sie von ihrem selbstbestimmten Sterben abzubringen. Jedoch der Entschluss meiner Mutter stand fest und sie versicherte mir, dass sie sich diesen Schritt schon gut und lange überlegt habe.

Parkanlage
Parkanlage im Herbst

Über welchen Zeitraum haben Sie Ihre Mutter beim Sterbefasten begleitet? Und wie gingen Sie mit Ihren eigenen widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen um, die Sie während dieser Zeit und sicher auch noch darüber hinaus selbst durchleben mussten?  

Christiane zur Nieden: Das Sterben meiner Mutter dauerte insgesamt 14 Tage. Meine Tochter und ich waren immerzu bei ihr und haben versucht, die Zeit noch sinnvoll zu gestalten. Insgesamt haben wir alle drei diese Zeit des Sterbens als harmonisch und erfüllend erlebt. Es war solch eine berührende, ich möchte fast sagen befriedigende Zeit, dass ich mir Aufzeichnungen machte, um später unbedingt anderen Menschen davon berichten zu können, dass ein selbstgewähltes, freiverantwortliches Sterben zusammen mit den Begleitern in friedlicher Harmonie ablaufen kann.

Heute schaue ich voll Stolz auf meine Mutter, die mit so viel Mut, Tapferkeit und Ausdauer diesen sicherlich nicht leichten Sterbeprozess auf sich genommen hat.

Trotzdem darf die große Trauer, die wir alle empfunden haben, nicht unerwähnt bleiben. Meine Mutter hätte evtl. noch ein paar Jahre bei uns bleiben können, aber sie wählte diesen vorzeitigen Tod. So kommen immer wieder Fragen auf, ob man wirklich alles versucht hat, sie zum Weiterleben zu überreden. Ein solch endgültiger Abschied tut immer weh und lässt die Angehörigen stets verwundet zurück. Heute schaue ich voll Stolz auf meine Mutter, die mit so viel Mut, Tapferkeit und Ausdauer diesen sicherlich nicht leichten Sterbeprozess auf sich genommen hat.

Wenn ich faste, dann enthalte ich mich völlig oder teilweise von allen oder bestimmten Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg, um beispielsweise Gewicht zu verlieren oder aus religiösen Gründen. Was bedeutet demgegenüber Sterbefasten? 

Christiane zur Nieden: Sterbefasten bedeutet, dass ein hochbetagter Mensch mit Essen und Trinken aufhört, um sein Leben vorzeitig zu beenden. Das Hungergefühl verschwindet nach ca. 48 Stunden. Das größte Problem beim Sterbefasten ist der Durst. Mit guter, häufig durchgeführter Mundpflege kann der Durst erträglich gehalten werden. Manche Sterbewillige, die wir telefonisch begleitet haben, erwähnen kaum den Durst, andere empfinden ihn als äußerst quälend. Eine gute, liebevolle Begleitung scheint unerlässlich zu sein, um die Zeit (auch die Zeit des Durstes) harmonisch und erträglich zu gestalten. Der Hochbetagte stirbt letztendlich an Nierenversagen, was einem friedlichen “Einschlafen” ähnelt.

Obwohl der Suizid die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt, blieb er in der Gesellschaft wie in der Kirche immer tabuisiert. Wissen Sie, ob und wie sich Ihre Mutter mit diesem Tabu auseinandergesetzt hat? Was hat dieser Tabubruch für Sie persönlich bedeutet? 

Christiane zur Nieden:  Meine Mutter hat sich nie zu dem Thema Suizid geäußert. So wie ich sie kenne, hat sie selbst es nicht als Suizid eingestuft, sondern als notwendigen Schritt zum Ende hin, was in ihren Augen kurz bevorstand, da sie schon sich so geschwächt fühlte und kaum noch etwas essen konnte. Dafür spricht, dass sie sich von Beginn an ins Bett gelegt hat und nicht mehr aufstehen wollte, da es ja sowieso bis zu ihrem Tod “nicht mehr lange dauern” würde.

Es wird Zeit, dass wir uns offen auch mit tabuisierten Themen auseinandersetzen.

Ich selbst habe vor Jahren Trauergruppen geleitet, an denen Angehörige nach Suizid des Kindes oder des Partners teilnahmen. Sie alle hatten Riesenprobleme über die wahre Todesursache zu sprechen, da sie meinten, es würde überall sofort “getuschelt”. Bei manchen Angehörigen waren die Trauerprozesse fast schon pathologisch, da sie mit ihrer Trauer von der Gesellschaft völlig alleine gelassen wurden.

Für mich ist das Sterben meiner Mutter ein Vorbild, wie auch ich gerne auf mein Lebensende zugehen will, falls ich ebenso wie sie derart eingeschränkt und lebenssatt im Alter oder nach schwerer Krankheit sein sollte.

Es gibt einige Tabus, über die man bislang nicht sprechen sollte, wie z.B. Homosexualität, Analphabetismus, Abtreibung oder Blasenschwäche. Es wird Zeit, dass wir uns offen auch mit tabuisierten Themen auseinandersetzen, denn hinter jedem Tabu steckt ein Mensch in Not, der gesehen werden sollte. Und manche Tabuthemen sind einfach völlig aus der Zeit gefallen und gehören oder werden mittlerweile schon öffentlich erörtert.

Friedhof
Waldfriedhof in Düsseldorf-Gerresheim

Wann immer ein Thema Angst macht, sollte man sich intensiv damit auseinandersetzen und es nicht mit einem Tabu belegen. Darüber sprechen, sich informieren ist immer “entängstigend”.

Wer Sterbefasten als Suizid und damit als Tabubruch empfindet, der sollte sich aber klar sein, dass es eine besondere “abgemilderte oder eher passive Form” des Suizids ist, da er die Möglichkeit bietet, sich vorher mit dem Sterbewunsch des Angehörigen auseinanderzusetzen und in der Zeit der Begleitung auch die Chance bietet auf Klärung, viele Gespräche, Liebesbekundungen, Schuldklärung und Aufarbeitung von unerledigten Themen wie z.B. Nachlassentscheidungen. Das alles kann bei guter Kommunikation eine antizipierende Trauerbewältigung bedeuten. Überhaupt fordert die gesamte Thematik “Tod, Sterben und selbstgewähltes Ende” eine gute, andauernde, respektvolle Kommunikation schon lange bevor der Entschluss fürs Sterbefasten getroffen wurde. Nur so können der Sterbewillige und auch seine Begleitenden ins Thema von Ablehnung bis Akzeptanz hineinwachsen.

An dieser Stelle meiner Interviews kommt stets die Frage “Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? ‘Gebet ist für mich…’.” Jetzt weiß ich aber, dass Sie Buddhistin sind. Könnten Sie uns deshalb zunächst erläutern, wie das Gebet im Buddhismus aussieht, d.h. an wen es sich richtet und wie es gestaltet ist, bevor Sie die Frage beantworten?  

Christiane zur Nieden:  Wir beten im Buddhismus zu Buddha und den Bodhisattvas für Inspiration und Kraft, um an uns selbst zu arbeiten. Es ist nicht so, dass wir dann plötzlich besondere Kräfte erlangen, sondern wir denken an Buddha als Vorbild. Wir versuchen uns mit seinen inneren Fähigkeiten zu verbinden, wie z.B. Geduld, Mitgefühl, Toleranz, Bescheidenheit, um nach dem Gebet oder der Mantra-Rezitation konstruktiv handeln zu können und um uns und anderen Menschen hilfreich zu sein.

Frühling
Das Leben erwacht neu

Der Sinn des Betens stellt sich den Buddhisten nicht, sondern eher die Frage: Kann jemand anderes unsere Probleme und Leiden beseitigen? Auch Buddha selbst könnte trotz all seiner Weisheit nicht unsere Probleme beseitigen. Wir alleine müssen die Verantwortung für uns selbst übernehmen. Wir selbst sind verantwortlich für unsere Taten und selbst für unsere Gedanken. Es gibt keine “Schuldlöschung” – nur mit guten Taten kann für sich selbst eine Art “Ausgleich” geschaffen werden.

Der Dalai Lama sagt: “Einfach nur zu beten, damit sich etwas verändert, reicht nicht. Es muss auch eine Handlung geben”.

Ich danke für das Gespräch.

Christiane zur Nieden hat zwei Bücher zum Thema Sterbefasten geschrieben:
Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – Eine Fallbeschreibung. Mit einem Vorwort von Barbara Rütting Taschenbuch – 28. November 2016
Umgang mit Sterbefasten. Fälle aus der Praxis Taschenbuch – 11. Juni 2019

Nichts verpassen!

Ja, ich möchte den kostenlosen Newsletter abonnieren, der mich alle 14 Tage über neue Beiträge informiert.

(* Pflichtfelder)

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,