Siehe, ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben, ich habe dich immer vor Augen.
Jesaja 49,16
Ich sitze in der Straßenbahn und beobachte durchs Fenster das rege Treiben, das sich besonders samstags in der Düsseldorfer Innenstadt abspielt. Menschen hasten mit Einkaufstaschen durch die Straßen, andere sitzen entspannt vor Cafés, manche schauen gedankenverloren aus den Fenstern der Bahn – jeder scheint unterwegs zu sein mit seinen eigenen kleinen oder großen Themen im Kopf.
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, die schon seit einiger Zeit telefoniert. Natürlich höre ich nicht bewusst zu. Bis zu dem Moment, als sie plötzlich sagt: „Warte, das muss ich mir sofort aufschreiben. Blöd, ich hab keinen Zettel dabei. Weißt du was? Ich schreibe es mir auf den Arm, damit ich das bloß nicht vergesse!“
Sie zieht einen Stift aus ihrer Tasche und notiert sich tatsächlich etwas auf ihrem Unterarm, knapp über dem Handgelenk. Ich weiß nicht, was so wichtig war, dass es sofort festgehalten werden musste. Aber offenbar hatte sie Angst, es könnte ihr entgleiten, wenn sie es nicht direkt sichtbar bei sich trägt.
Und genau in diesem Moment fiel mir ein Bibelvers ein, den wir unserer Tochter vor über dreißig Jahren als Taufspruch mitgegeben haben: „Siehe, ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben, ich habe dich immer vor Augen.“ (Jesaja 49,16)
Ein Bild, das man nicht vergisst
Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto stärker finde ich dieses Bild. Gott sagt hier nicht einfach: „Ich denke gelegentlich an dich.“ Er sagt auch nicht: „Du bist mir grundsätzlich wichtig.“
Nein – er spricht davon, unseren Namen in seine Hand geschrieben zu haben.
Eine Hand ist etwas Persönliches. Mit unseren Händen greifen wir, arbeiten wir, berühren wir andere Menschen. Die Hand ist uns ständig vor Augen. Und genau dort, an diesem sichtbaren und nahen Ort, schreibt Gott unseren Namen hin.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Verses: Du bist für Gott nicht irgendeiner unter Milliarden Menschen. Du bist ihm nicht entglitten oder aus dem Blick geraten. Dein Name steht dort, wo Gott ihn immer sieht.
Gerade in schwierigen Zeiten kann das ein unglaublich tröstlicher Gedanke sein.
Wenn man sich vergessen fühlt
Viele Menschen kennen dieses Gefühl: vergessen worden zu sein. Nicht wichtig zu sein. Übersehen zu werden.
Manchmal entsteht dieses Gefühl durch andere Menschen. Eine zerbrochene Beziehung. Ausbleibende Nachrichten. Enttäuschungen. Manchmal aber auch einfach durch das Leben selbst. Weil man kämpft, hofft, betet – und trotzdem scheinbar nichts passiert. Das sind Erfahrungen, die sich auch in den Gebetsanliegen wiederfinden, die mich jede Woche erreichen.
Auch die Menschen, an die sich der Prophet Jesaja ursprünglich richtet, kannten solche Gedanken. Sie lebten in einer Zeit voller Unsicherheit und hatten das Gefühl, von Gott verlassen worden zu sein. Kurz vor diesem Vers heißt es sogar: „Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mich vergessen.“
Und genau darauf antwortet Gott mit diesem starken Bild: „Ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben.“
Nicht: „Reiß dich zusammen.“, oder „Du musst nur stärker glauben.“
Sondern: Ich habe dich nicht vergessen.
Mehr als nur ein schöner Satz
Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieses Bibelwortes. Es ist kein oberflächlicher Mutmacherspruch. Es behauptet nicht, dass alles sofort gut wird. Krankheiten verschwinden nicht automatisch, Konflikte lösen sich nicht plötzlich in Luft auf und Sorgen hören nicht einfach auf.
Dieser Vers sagt etwas anderes: Du gehst durch all das nicht ungesehen hindurch.
Ich glaube, dass viele Menschen genau das brauchen – gerade in Zeiten großer Not. Nicht sofort eine Lösung. Sondern erst einmal das Gefühl, überhaupt noch gesehen zu werden.
Vielleicht erklärt das auch, warum es Menschen so gut tut, wenn jemand ihren Namen kennt, an sie denkt oder für sie betet. Weil darin etwas von diesem Gedanken aufscheint: Du bist nicht vergessen.
Gottes Erinnerung ist stärker
Der Vers aus Jesaja erinnert mich daran, dass Gottes Blick auf uns mit Sicherheit viel beständiger ist als unser Blick auf ihn. Die meisten Menschen vergessen Gott bestimmt öfter, als Gott uns vergisst, und vielleicht ist genau das am Ende die eigentliche Hoffnung dieses Satzes: Dass unser Leben nicht davon abhängt, wie stark unser Glaube gerade ist oder wie perfekt unsere Gebete formuliert sind. Sondern davon, dass unser Name längst dort steht, wo er nicht verloren gehen kann: in Gottes Hand.
Eben aus diesem Grund haben wir den Vers auch unserer Tochter als Taufspruch mitgegeben.








