Einer trage des anderen Last – aber wie?

Einer trage des anderen Last

Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6,2

Vor einigen Wochen erreichte mich ein Gebetsanliegen, das mich lange nicht losgelassen hat.

Eine Mutter schrieb mir von ihrer fünfzehnjährigen Tochter. Lange hatte sie die Anzeichen verdrängt oder sich selbst Erklärungen zurechtgelegt. Zunächst verschwanden nur Kleinigkeiten. Ein paar Euro aus dem Portemonnaie. Hier und da etwas aus einem Geschäft. Immer gab es Erklärungen, Entschuldigungen und Ausreden. Doch irgendwann musste sich die Mutter eingestehen, dass ihre Tochter ein Problem hat.

Besonders belastend war für sie die Angst vor der Reaktion ihres Mannes. Sie war überzeugt, dass er die Situation nicht ruhig aufnehmen würde. Deshalb trug sie ihre Sorgen allein mit sich herum.

Am Ende ihrer Nachricht stand ein Satz, den ich in ähnlicher Form immer wieder lese:

„Ich kann nicht mehr.“

Vielleicht sind es genau diese vier Worte, die viele Menschen irgendwann in ihrem Leben aussprechen. Nicht unbedingt laut. Manchmal nur in Gedanken. Aber sie sind da.

„Ich kann nicht mehr.“

Lasten, die zu schwer werden

Wenn Paulus schreibt: „Einer trage des anderen Last“, dann denkt er vermutlich genau an solche Situationen.

Dabei geht es nicht darum, dass wir die Probleme anderer Menschen lösen könnten. Die Mutter aus der E-Mail wird weiterhin mit ihrer Tochter sprechen müssen. Die familiären Spannungen verschwinden nicht einfach. Und auch die Sorgen werden nicht über Nacht verschwunden sein.

Manche Lasten kann uns niemand abnehmen. Krankheiten nicht. Verluste nicht. Enttäuschungen nicht. Schuld nicht. Und doch erleben wir immer wieder, dass es einen Unterschied macht, ob wir diese Lasten allein tragen oder gemeinsam.

Vielleicht kennen Sie das selbst. Ein Problem bleibt objektiv betrachtet dasselbe. Aber nachdem man mit jemandem darüber gesprochen hat, fühlt es sich etwas weniger erdrückend an. Nicht, weil die Lösung plötzlich da wäre. Sondern weil man nicht mehr allein damit ist.

Genau darin liegt eine tiefe Wahrheit dieses Bibelverses.

Geteilte Last ist nicht dieselbe Last

Natürlich kann ich als Außenstehender die Sorgen dieser Mutter nicht übernehmen. Ich kann ihre Tochter nicht verändern, die familiären Spannungen nicht auflösen und die Situation nicht einfach reparieren. Aber ich kann zuhören. Ich kann ihre Not ernst nehmen. Und ich kann für sie beten.

Vielleicht ist genau das mehr, als wir manchmal denken. Denn Lasten verändern sich, wenn sie geteilt werden. Nicht im mathematischen Sinn. Die Hälfte der Sorge verschwindet nicht plötzlich. Aber etwas anderes geschieht: Der Mensch unter der Last spürt, dass er nicht mehr allein ist.

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Vielleicht meint Paulus genau das. Nicht, dass wir die Probleme anderer Menschen lösen sollen. Das können wir oft gar nicht. Aber wir können uns an ihre Seite stellen. Wir können ein Stück des Weges mitgehen, mitfühlen und mittragen. Manchmal geschieht das durch ein Gespräch. Manchmal durch eine helfende Hand. Und manchmal einfach dadurch, dass jemand sagt: „Ich denke an dich. Du musst das nicht allein durchstehen.“

Auch Gott trägt mit

Für mich endet dieser Gedanke nicht beim Menschen. Denn wenn wir Lasten miteinander tragen sollen, dann vielleicht auch deshalb, weil Gott selbst es genauso macht.

Immer wieder begegnet uns in der Bibel ein Gott, der sich den Menschen zuwendet. Einer, der ihre Sorgen sieht, ihre Klagen hört und ihre Tränen wahrnimmt. Das bedeutet nicht, dass Gott alle Probleme sofort beseitigt. Das wünschen wir uns oft. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus.

Aber die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen in ihrer Not nicht allein lässt. Vielleicht liegt darin die eigentliche Hoffnung. Nicht darin, dass jede Last verschwindet, sondern darin, dass sie nicht allein getragen werden muss.

Ein Satz, der Hoffnung macht

Wenn ich heute an die Mutter aus der E-Mail denke, dann weiß ich immer noch nicht, wie ihre Geschichte weitergeht. Vielleicht hat sich die Situation inzwischen gebessert. Vielleicht ist sie sogar schwieriger geworden.

Aber ich hoffe, dass sie eines erfahren hat: Dass sie mit ihren Sorgen nicht allein ist.

Denn genau dort beginnt für mich die Bedeutung dieses Verses. „Einer trage des anderen Last“ ist keine Aufforderung, der starke Held zu sein, der jedes Problem löst. Es ist vielmehr eine Einladung, füreinander da zu sein. Zuzuhören. Mitzufühlen. Mitzutragen. Und manchmal einfach zu sagen: „Du musst das nicht allein schaffen.“

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