Ein einmaliges Raumerlebnis im Farbenspiel des Tages

Romi Fischer

Romi Fischer ist eine Schweizer Künstlerin aus Zürich. Sie hat in den Jahren von 2006 bis 2017 43 Kirchenfenster für die Evangelische Kirche Duisburg-Meiderich gestaltet. Die Fenster bestehen aus drei Schichten farbigem und mundgeblasenem Glas. Charakteristisch für dieses Glas sind die darin enthaltenen unregelmäßigen kleinen Luftblasen und Liniengebilde, die das einfallende Tageslicht im Kirchenraum zum Leuchten bringen. Ich freue mich, dass Frau Fischer sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.

Frau Fischer, das, was ich eingangs in unzureichenden Worten zu beschreiben versuchte, muss man vor Ort selbst erleben, um die Schönheit Ihres Werks überhaupt erfassen zu können!

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie sich von Ihren bis dahin üblichen Arbeiten mit großformatigen Bildern, Stahlplastiken, Skulpturen und Rauminstallationen Kirchenfenstern aus farbigem Glas zugewandt haben?

Romi Fischer: Der Auslöser für eine für mich völlig neue künstlerische Arbeit war ein 2006 ausgeschriebener internationaler Wettbewerb für 43 neue Kirchenfenster der Evangelischen Kirche auf dem Damm in Duisburg. Ich bekam diesen Auftrag und damit begann eine 10jährige intensive Arbeitsphase in enger Zusammenarbeit mit der Glaswerkstatt Hein Derix in Kevelaer.

Die Architektur inspirierte mich zu meiner Idee, einer Gesamtschau als Lob der Schöpfung. 

Schon bei der ersten Begehung des damals innen noch komplett eingerüsteten Kirchenraumes dachte ich an ein Gesamtkonzept. Die Architektur mit der großen achtsäuligen Holzkuppel des neogotischen Gebäudes sowie dessen Ausrichtung nach Osten inspirierte mich zu meiner Idee, einer Gesamtschau als Lob der Schöpfung. 

Ich erarbeitete ein Konzept, das alle Kirchenfenster als einheitliches Thema des Tagesverlaufs vom Morgen bis zum Abend mit seinem wechselvollen Farbenspiel vorsah. Die Fenster sollten ungegenständlich aus unzähligen Farbnuancen bestehen. Ich wollte einen Farb-Licht-Raum, der im Zusammenhang mit dem natürlichen Lichteinfall immer wieder neu und anders erscheint und somit ein einmaliges Erlebnis im Farbenspiel des Tages ermöglicht, angefangen mit der aufsteigenden Morgenröte im Chor der Kirche über den sonnig strahlenden Mittagshimmel bis zum prachtvoll leuchtenden Abendrot im westlichen, alten Turmbereich. 

Beispielfenster
Foto: Rolf Köppen

Ich entschied mich für eine noch nie angewendete Vorgehensweise mit mehreren hintereinander gefügten, farblich sorgfältig aufeinander abgestimmten Schichten von farbigem, mundgeblasenem Echtantikglas aus der Glashütte Lamberts in Waldsassen.

Durch diese verschiedenfarbigen Glasschichten hindurch erscheint nun nach vollendeter Arbeit die Außenwelt entrückt wie ein gemaltes aber bewegtes Bild und immer wieder anders in jedem Licht.

Zu Beginn meiner künstlerischen Auseinandersetzung und nach meiner professionellen Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, entstanden große, farbintensive Bilder zum Thema Mensch-Kosmos.  Die Werke, Ölfarbe auf Leinwand, sind mit vielen Farbschichten gestaltet. Die ineinander gewirkten und sich überlagernden Farbschichten erzeugen eine Tiefenwirkung und intensive Leuchtkraft. 

Gleichzeitig erweiterte ich meine künstlerische Arbeit hin zum ganzheitlichen Erlebnis im Raum. Interessierte Personen sollten nicht nur geistig, sondern auch körperlich teilnehmen können am Erfahren einer sichtbar gemachten Aussage. Es entstanden raumfüllende, begehbare Arbeiten zu existenziellen Themen mit Stahlplastiken, Skulpturen aus Bronze, Lichtinszenierungen, Bildern und weiteren Elementen.

In Duisburg war ich bekannt durch drei Einladungen ins Lehmbruck Museum, Zentrum internationaler Skulptur. Für die „Kunstvesper“, einem abendfüllenden Event mit Musik, Poesie und Skulpturen, konnte ich jeweils ein großes plastisches Werk beitragen. 

Meine Arbeiten konnte ich ebenfalls durch die mehrmalige Teilnahme an den Duisburger Akzenten, einem großen kulturellen Anlass im ganzen Duisburger Raum, vielen Menschen präsentieren. Durch meine Installationen und öffentlichen Aufträge im deutschsprachigen Raum hatte ich bereits viel Erfahrung mit Raumsituationen.

Diese verschiedenen Aspekte meines Schaffens konnten in mein Farb-Raum Konzept der Kirchenfenstergestaltung einfließen.

Welche besonderen Herausforderungen haben sich Ihnen während des Prozesses der Gestaltung und Herstellung der Kirchenfenster gestellt?

Romi Fischer: Mit dem Auftrag zur Ausführung der Kirchenfenster begann meine zehnjährige Arbeit in Zusammenarbeit mit der Glaswerkstatt Hein Derix in Kevelaer. Herr Derix, Chef der Glaswerkstatt und Herr Janßen, Werkstattchef, mit denen ich von nun an zusammenarbeiten würde, waren überrascht von dem Konzept. Bisher gab es nichts Vergleichbares in der Kirchenfenstergestaltung und so hatten wir keine Ahnung, wie lange dieser Arbeitsprozess dauern könnte. 

Es folgten anstrengende Jahre, die mir unzählige Entscheidungen abverlangten, die ich ganz allein zu verantworten hatte. Mein Konzept war neu und Erfahrungswerte gab es nicht. Mein Anker war das Tun in der Glaswerkstatt, der künstlerische Prozess, das sorgfältige Herantasten an eine Stimmigkeit von Farbe und Raum. 

Beispielfenster
Foto: Rolf Köppen

Als Künstlerin war meine größte Herausforderung die Idee des Ganzen, dieser Einheit aller Fenster, in jeder Situation zu wahren. Die Gesamtschau aller 43 Kirchenfenster musste mir immer präsent sein. Ich durfte nicht davon ablassen, auch wenn technische Schwierigkeiten die Verwirklichung oft erschwerten und sich im Moment keine schnellen Lösungen abzeichneten. Ich wusste, dass dieses Werk nur gelingen konnte, wenn ich bereit war, diesen langen Weg konsequent zu gehen. Es sollte ein Lob der Schöpfung werden, wie es in dieser Form noch nirgends verwirklicht worden war. 

Auch für die Glaswerkstatt bedeutete mein Konzept eine neue Herangehensweise, einerseits das farbliche Gestalten mit mehreren Schichten farbigem Glas und andererseits durch meine ständige, unerlässliche Anwesenheit bei den Arbeitsprozessen. 

Es sollte ein Lob der Schöpfung werden, wie es in dieser Form noch nirgends verwirklicht worden war.

Wir verwendeten mundgeblasenes Echtantikglas mit vielen Farbnuancen. Die Gläser wurden nicht bemalt. Sie wurden nach meinen Vorstellungen in der Glashütte Lamberts in Waldsassen in aufwändiger Handarbeit hergestellt. Um die feinen Farbverläufe zum Beispiel des Morgenrots zu ermöglichen, brauchten wir jeweils 2 bis 3 Schichten von diesem kostbaren Glas, das wir sorgfältig farblich aufeinander abstimmten und mit kleinem Abstand hintereinander anordneten, um auch die gewünschte Tiefenwirkung zu erhalten. Ein weiteres Charakteristikum dieses Echtantikglases sind die unregelmässigen Bläschen und Liniengebilde, die ich in meinem Konzept als Gestaltungselement eingesetzt habe.

Beispielfenster
Foto: Rolf Köppen

Die Realisierung der Chorfenster und der drei Rosetten war der erste Teilabschnitt, den wir erarbeiteten. Es folgte die Etappe der Südfenster, die nun auf die bereits eingesetzten Chorfenster und die Gesamtwirkung im Raum abgestimmt wurden. Anschliessend erarbeiteten wir weitere Fenster auf der Südseite und danach das grosse Westfenster im Turm. Mit diesen Fenstern wurde die Herausforderung, eine einheitlich harmonische Wirkung im Kirchenraum zu erreichen, immer subtiler. Jeder einzelne Farbton und somit der gesamte Farbklang aller Fenster mussten aufs Feinste stimmen, so wie bei einer Symphonie jeder gespielte Ton in Harmonie mit dem Ganzen mitschwingen muss.

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Ein weiteres großes Anliegen war mir von Beginn an, die Umgebung miteinzubeziehen, denn die Kirchenfenster sind durch ihre halbtransparente Wirkung auch Bildträger. 

Ich freue mich, dass ich diese zehnjährige Arbeit vollenden konnte. Durch die neuen Fenster erscheint nun die Aussenwelt entrückt wie ein gemaltes Bild. Wechselnde Tageszeiten, unterschiedliche Wetterverhältnisse und Bewegungen im Außenraum, durch den Wind in den Bäumen oder die vorbeiziehenden Wolken, erzeugen immer neue lebendige Eindrücke. Auf dem Boden und an den Wänden spielen faszinierende Lichtreflexe. Je nach Tages- oder Jahreszeit durchfluten unterschiedlich prachtvolle Farbklänge den Kirchenraum.

Welche Bedeutung und Botschaft möchten Sie mit Ihren Kirchenfenstern der Gemeinde und den Besucherinnen und Besuchern der Kirche vermitteln?

Romi Fischer: Die einmalige Schönheit der Schöpfung sowie deren Flüchtigkeit und Verletzbarkeit zu thematisieren, ist mein künstlerisches Anliegen im Bewusstsein der Kostbarkeit unserer Teilhabe.

Die Kirchenfenster sind ein Lob der Schöpfung und thematisieren den natürlichen Tageslauf als Fest von Licht und Farben. Die Farbstimmungen im Raum sind eine Einladung zum Verweilen und schauen.

Die Chorfenster im Osten stellen mit ihren warmen königsblauen Farbtönen, dem feinen Rotschimmer und dem Helligkeitsverlauf von unten nach oben das Licht des sich ankündigenden neuen Morgens dar. Dem Sonnenverlauf folgend sind die in leuchtenden Blaunuancen und warmem Lichtgelb konzipierten Fenster der Südseite in ihrem Farbverlauf die Fortsetzung zum warmen Mittagslicht in seiner strahlenden Klarheit. Zur Orgelempore hin nach Westen sind bei den beiden hohen, seitlichen Fenstern, die Farben schrittweise vom feinen Türkis über Königsblau bis zum abendlich zarten Violett- und Purpurschimmer hin angeordnet. Die Kirchenfenster der Nordseite bilden durch ihre sorgfältig abgestimmte Lichtdurchlässigkeit und ihre fein variierten Farbnuancen die farblich verhalten angepasste Ergänzung zur Südseite als Resonanz des Tageslichts. Im Turmbereich auf der Westseite gibt es eine farbliche Weiterführung, die ihren Höhepunkt im großen farbintensiven Turmfenster über dem Haupteingang findet. Dieses Westfenster ist von der Himmelsrichtung her der Gegenpol der Chorfenster im Osten. In der Farbgebung schließt sich hier der im Chor begonnene Kreis, dort farblich der werdende Tag, hier die untergehende Sonne dem im leuchtenden Abendrot nachempfundenen Farbenspiel. 

Beispielfenster
Foto: Rolf Köppen

BesucherInnen können von der Mitte der Kirche den ganzen Tagesverlauf in Farben und Licht als Erlebnis einer einzigartigen Gleichzeitigkeit auf sich wirken lassen. Das Werk vermittelt eine Anschauung, die über das konventionelle Glasbild in Kirchen hinausgeht, indem es eine Gesamtschau als einheitliches Raumerlebnis ermöglicht und gleichzeitig durch das lebendige Wechselspiel der Tages- und Wetterstimmungen die Flüchtigkeit des Augenblicks sichtbar macht, ein inspirierendes Paradox von Verlauf und Gleichzeitigkeit.

Dieses Lichtspiel der Farben im Kirchenraum ist mein künstlerischer Beitrag, damit das Staunen nie endet und das Wunder der Schöpfung immer wieder neu erlebt und gewürdigt wird.

Welche zukünftigen künstlerischen Projekte oder Arbeiten planen Sie, und wie denken Sie, dass Ihre Erfahrung mit den Kirchenfenstern Ihre zukünftige Arbeit beeinflussen könnte?

Romi Fischer: Meine künstlerische Tätigkeit ist stets sehr vielfältig und ich arbeite oft gleichzeitig an verschiedenen Projekten. Drei Schwerpunkte meines derzeitigen Schaffens möchte ich hier kurz beschreiben.

Zurzeit entstehen in meinem Atelier in Zürich experimentelle Arbeiten. Es sind freie Projektideen, die ich skizziere. Nach meinen Erfahrungen mit dem faszinierenden, mundgeblasenen Echtantikglas der Kirchenfenster sehe ich verschiedene Möglichkeiten, um in Zukunft auch wieder mit diesem Glas zu arbeiten oder es in meine Werke miteinzubeziehen, seien es freie künstlerische Arbeiten oder Auftragswerke.

Aktuell befasse ich mich mit der Suche nach einem festen Platz für ein neues Glas-Objekt.

Aktuell befasse ich mich auch mit der Suche nach einem festen Platz für ein neues Glas-Objekt. Ursprünglich wurde es in ähnlicher Form als Fensterrelief für die Kirche in Duisburg geplant, wo es leider nicht realisiert werden konnte. Die überarbeitete Version mit allen Details ist seit kurzem abgeschlossen. Nun soll an einem würdigen Ort die Strahlkraft dieses Glas-Objekts zur Geltung kommen. 

Die Aussage dieses Werks ist in seiner Gestaltung einmalig und in seiner Form- und Farbgebung die versinnbildlichte, leuchtende Verbindung zwischen Himmel und Erde. 

Dieses in unzähligen Farbtönen spielende Objekt besteht aus einem tragenden Gerüst aus feinen Edelstahlstäben und dem Ensemble von vielen verschiedenfarbigen kleinen Glasscheiben, welche die strahlende Farbpalette der Schöpfung widerspiegeln.

Das Glas-Objekt kann sowohl hängend in einem Raum oder stehend montiert werden. Die Dimension (bis 6 m Höhe) ist variabel und bezieht sich auf die räumlichen Gegebenheiten vor Ort. Ich freue mich auf jede Anregung bezüglich einer Bleibe für das Glas-Objekt und hoffe, mit diesem kurzen Hinweis die Reichweite meines Anliegens zu erhöhen. 

Auf meiner Website: www.romi-fischer.ch gibt es unter “Aktuell” ein kleines Objekt (IGNIS), welches die Machart und Wirkung des geplanten Glas-Objekts sichtbar macht. Weiterführende Informationen über die Arbeitsvorbereitungen und die Ausgestaltung des Glas-Objekts liegen vor. 

Gleichzeitig arbeite ich auch an einem Werkkatalog, welcher meinen künstlerischen Werdegang mit ausgewählten Arbeiten abbildet. Diese Werkschau in gedruckter Form soll einen großen Bogen spannen, beginnend bei meinen Bildwerken und weiterführend zu den verschiedenen Kunstinstallationen im Raum, den großen Einzelskulpturen und zum Gesamtkonzept der Kirchenfenster. 

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? „Gebet ist für mich…”

Romi Fischer: Gebet ist für mich mein künstlerisches Schaffen, zum Beispiel die Kirchenfenster als Lob der Schöpfung zu erarbeiten, dafür braucht es mehr als meine eigene Kraft.

Ich danke für das Gespräch.


Anschrift der Evangelischen Kirche Duisburg-Meiderich:

Kirche Auf dem Damm
Auf dem Damm 6
47137 Duisburg

Leider gibt es keine regelmäßigen Öffnungszeiten der Kirche. Aber Sie haben die Möglichkeit, sich am ersten und dritten Samstag des Monats ab 9:30 Uhr in dem Gemeindehaus zu melden, welches direkt nebenan liegt, um sich die Kirche ggfs. öffnen zu lassen. Ein vorheriger Anruf empfiehlt sich.
Darüber hinaus kann die Kirche jeden Sonntag im Rahmen des Gottesdienstes ab 11:00 Uhr besucht werden.

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