Das Leben – Ein Flipperspiel?

Pinball Flipperspiel Lebensweg

Es ist schon sechs Jahre her, dass ich hier in Düsseldorf in einer Kirche saß und Kirchenwache hielt. Während meiner Wache hatte ich das Glück, dem wunderschönen Orgelspiel einer jungen Organistin lauschen zu können. 

Als sie anschließend die Stufen von der Orgel herunterkam, sprach ich sie darauf an. Wir kamen kurz ins Gespräch und ich erfuhr, dass sie Elisa Teglia heißt, aus Bologna kommt und dort als Organistin tätig ist. Deutsch hatte sich die junge Italienerin selbst beigebracht.

Sie erzählte mir, dass sie am kommenden Wochenende im Rahmen des Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals in der Innenstadt spielen würde, und lud meine Frau und mich kurzerhand dazu ein. Imma und ich nahmen die Einladung gerne an und saßen wenige Tage später in der herrlichen Kirche St. Andreas und hörten ihr Konzert. 

Als der Schluss-Applaus verklungen war, flüsterte ich meiner Frau zu: „Was hältst du davon, auf Elisa zu warten und sie zu fragen, ob sie noch Zeit und Lust hat, mit uns ein bisschen durch Düsseldorf zu bummeln?“ Meine Frau war sofort dabei, wenn auch mit einem kleinen Fragezeichen, ob eine bekannte Organistin aus Bologna tatsächlich Lust auf einen Abend mit zwei Düsseldorfern haben würde.

Elisa Teglia
Elisa Teglia
Foto: Privat

Sie hatte. Elisa brachte nur schnell ihre Sachen ins Hotel, und wenige Minuten später waren wir gemeinsam in der Altstadt und im Medienhafen unterwegs. Wir hatten viel zu erzählen, viel zu lachen und einen wunderschönen Abend. Zum Abschied tauschten wir unsere Kontaktdaten aus.

Das ist inzwischen eine gefühlte Ewigkeit her. Wir sind in Kontakt geblieben, haben uns geschrieben und uns immer wieder getroffen, wenn Elisa im Rahmen des Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals hier vor Ort war. Jedes Wiedersehen fühlte sich so vertraut an, als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen. Und nun kommt der Teil, den ich damals beim besten Willen nicht hätte vorhersehen können: Im kommenden Frühjahr werden wir Elisa zum ersten Mal in Bologna besuchen, sie an ihrer eigenen Orgel erleben und anschließend gemeinsam durch ihre Heimatstadt bummeln.

Eine kleine Bewegung kann alles verändern

Vielleicht kennen Sie noch die alten Flipperautomaten. Eine Kugel wird ins Spielfeld geschossen und beginnt ihren Weg. Sie prallt irgendwo ab, wird in eine andere Richtung gelenkt, nimmt plötzlich Fahrt auf und landet an einer Stelle, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat. Man kann zwar mit den Flippern eingreifen, aber welchen Weg die Kugel tatsächlich nimmt, lässt sich nur begrenzt vorhersehen.

Manchmal kommt mir unser Leben ganz ähnlich vor. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben verlaufen soll. Wir machen Pläne, setzen uns Ziele und glauben zu wissen, wo wir in einigen Jahren stehen werden. Und dann reicht manchmal eine einzige Begegnung, eine Entscheidung oder ein Ereignis, und plötzlich nimmt unser Lebensweg eine ganz andere Richtung.

Bei mir war es damals eine Kirchenwache. Ich hätte an diesem Tag auch in einer anderen Kirche sitzen oder zu Hause bleiben können. Elisa hätte an diesem Nachmittag nicht spielen können oder ich hätte sie nach ihrem Orgelspiel nicht angesprochen. Wir hätten ihre Einladung ausschlagen oder nach dem Konzert einfach nach Hause gehen können. Und wenn nur eine dieser kleinen Entscheidungen anders ausgefallen wäre, würden wir vermutlich heute nicht darüber nachdenken, wann wir nach Bologna fliegen.

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Das Faszinierende daran ist: Wir wissen meistens erst im Rückblick, welche Bedeutung ein Augenblick für unser weiteres Leben hatte. In dem Moment selbst erscheint vieles völlig nebensächlich. Eine Begegnung, ein Gespräch, eine Einladung. Erst Jahre später erkennen wir vielleicht, dass sich daraus etwas entwickelt hat, das wir niemals hätten planen können.

Wir haben unseren Lebensweg nicht in der Hand

Natürlich ist unser Leben kein Flipperautomat und wir sind keine Kugeln, die willenlos durch ein vorgegebenes Spielfeld geschleudert werden. Wir können Entscheidungen treffen. Wir können eine Einladung annehmen oder ausschlagen, auf einen Menschen zugehen oder lieber Abstand halten, einen neuen Lebensweg ausprobieren oder am vertrauten festhalten. Gerade darin liegt ein Teil unserer Freiheit und unserer Verantwortung.

Aber wir haben eben nicht alles in der Hand. Eine Krankheit kann unsere Pläne verändern. Eine berufliche Chance kann uns in eine völlig neue Richtung führen. Eine Trennung kann eine Zukunft beenden, die wir uns ganz anders vorgestellt hatten. Und manchmal begegnet uns ein Mensch, den wir eigentlich gar nicht gesucht haben – und plötzlich wird er wichtig für unser Leben.

Das kann Angst machen. Es kann aber auch befreiend sein. Denn vielleicht müssen wir gar nicht immer schon wissen, wo wir in fünf oder zehn Jahren stehen werden. Wir dürfen unsere Ziele verändern, wenn sich unser Leben verändert. Wir dürfen feststellen, dass ein Weg, den wir einmal unbedingt gehen wollten, nicht mehr zu uns passt. Und wir dürfen nach einem Umweg oder einem Scheitern einen neuen Anfang wagen.

Auch der Glaube nimmt uns diese Ungewissheit nicht ab. Manches geschieht einfach, weil unser Leben verletzlich und die Welt nicht perfekt ist. Aber ich glaube daran, dass wir auch auf den Lebenswegen, die wir uns niemals ausgesucht hätten, nicht allein sind.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied. Ich muss nicht verstehen, warum die Kugel meines Lebens gerade in diese Richtung geschleudert wurde. Ich muss auch nicht wissen, wo sie als Nächstes landen wird. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich auch dann begleitet, wenn mein Lebensweg eine Richtung einschlägt, die ich mir niemals ausgesucht hätte.

Und vielleicht lohnt es sich deshalb, aufmerksam zu bleiben für die kleinen Begegnungen und Entscheidungen unseres Alltags. Für den Menschen, der uns plötzlich anspricht. Für eine Einladung, die wir zunächst gar nicht erwartet haben. Für eine Möglichkeit, die sich unverhofft auftut. Wir wissen nie, was daraus entsteht.

Ich jedenfalls hätte während meiner damaligen Kirchenwache nicht im Traum daran gedacht, dass mich das Orgelspiel einer jungen Italienerin eines Tages nach Bologna führen würde. Aber genau das wird geschehen.

Und wenn ich dann vielleicht irgendwo eine Orgel höre, werde ich mich vermutlich daran erinnern, wie eine kleine Kugel meines Lebens damals in Düsseldorf eine völlig unerwartete Richtung eingeschlagen hat.

Man weiß eben nie, wohin die Kugel rollt.

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