Der Fisch, der mehr sagt als tausend Worte

Fischsymbol

Es ist schon viele Jahre her: Wir standen im Stau. Wir – das waren unsere Kinder, meine Frau und ich, auf dem Weg in den Urlaub. Die Kinder waren noch recht klein, sodass sich schnell quälende Langeweile breit machte. „Wann sind wir endlich da?“ war die Frage, die zum ersten Mal gestellt wurde, als wir von Düsseldorf aus noch nicht einmal Duisburg erreicht hatten und noch etwa drei Stunden bis zur niederländischen Nordsee vor uns lagen.

Um die Fahrt gefühlt ein wenig zu verkürzen, spielten wir mit unseren Kindern dann gerne „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …“ Die gesuchte Farbe war diesmal Weiß. Ich weiß nicht mehr, wer von uns die Frage gestellt hatte, aber die Antwort lautete: „Der Fisch auf dem Heck des Wagens vor uns.“ „Der Mann ist sicher Angler!“, krähte unser Jüngster. „Oder er transportiert frische Fische, wie Fischers Fritz“, entgegnete ich schmunzelnd.

Doch es war natürlich nicht irgendein Fisch, sondern eines der ältesten Symbole des Christentums. Schon die ersten Christen verwendeten den Fisch als Erkennungszeichen. In einer Zeit, in der ein offenes Bekenntnis zum christlichen Glauben gefährlich werden konnte, genügte ein einfaches Zeichen, um einem anderen Menschen zu zeigen: Ich glaube wie du. Ich gehöre zu dir. Du bist nicht allein.

Der griechische Name für Fisch lautet Ichthys. Und darin steckt tatsächlich mehr, als man zunächst vermutet. Die fünf Buchstaben wurden als Anfangsbuchstaben für ein kurzes christliches Glaubensbekenntnis verstanden: Iesous Christos Theou Yios Soter – „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“. Das Fischsymbol konnte damit eine ganze Botschaft transportieren, ohne dass ein einziges Wort gesprochen werden musste.

Vielleicht ist gerade das etwas, das dieses alte Symbol auch heute noch interessant macht. Denn wenn wir irgendwo einen Fisch auf einem Auto sehen, wissen wir längst nicht, was der Besitzer damit ausdrücken möchte. Vielleicht ist er gläubiger Christ, vielleicht gefällt ihm einfach das Symbol. Vielleicht hat er ihn selbst aufgeklebt, vielleicht fährt er ein Auto, bei dem er schon beim Kauf dort klebte. Wir wissen es nicht. Aber manchmal bleibt der kleine Fisch doch für einen Augenblick im Gedächtnis.

Ein stilles Fischsymbol in einer lauten Welt

Dabei leben wir heute in einer Welt, in der Zeichen normalerweise etwas anderes leisten sollen. Logos sollen Marken unverwechselbar machen, Plakate sollen uns zum Kaufen bewegen und blinkende Werbeanzeigen kämpfen darum, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Der kleine Fisch macht all das nicht. Er verkauft nichts, verspricht keinen Rabatt und fordert uns zu keiner Handlung auf.

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Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Stärke. Er muss nicht laut sein, um etwas zu sagen.

Und vielleicht können wir darin sogar eine kleine Anregung für unseren eigenen Alltag entdecken. Wir müssen unseren Glauben nicht ständig erklären oder jedem Menschen davon erzählen. Aber wir können durch unser Verhalten Zeichen setzen. Durch ein freundliches Wort, wenn jemand damit nicht rechnet. Durch Geduld, wenn es eigentlich leichter wäre, genervt zu reagieren. Durch die Bereitschaft, einem Menschen zuzuhören, der gerade niemanden hat, der ihm zuhört.

Der Fisch der frühen Christen sagte: Du bist nicht allein. Vielleicht ist das auch heute noch eine der schönsten Botschaften, die wir einem anderen Menschen vermitteln können.

Was bleibt, wenn alles andere verschwindet?

Ich denke manchmal an jenen Fisch auf dem Auto vor uns zurück. Für unseren kleinen Sohn war er damals einfach ein Hinweis auf einen möglichen Angler oder einen Fischhändler. Für uns Erwachsene war er ein christliches Fischsymbol. Und vielleicht ist genau das eine schöne Erinnerung daran, dass Dinge nicht immer nur das sind, was wir auf den ersten Blick in ihnen sehen.

Der Fisch hat fast zweitausend Jahre überdauert. Er hat Verfolgungen und gesellschaftliche Veränderungen erlebt, Kriege und Frieden, Aufstieg und Niedergang von Reichen. Heute klebt er zwischen Stoßstange und Nummernschild eines Autos und steht damit mitten in unserem ganz normalen Alltag.

Vielleicht muss ein Symbol gar nicht mehr leisten. Es muss nicht die Welt verändern. Vielleicht reicht es manchmal, wenn es uns für einen kurzen Augenblick daran erinnert, wer wir sind, worauf wir vertrauen und dass wir mit unserem Glauben nicht allein sind.

Und vielleicht können wir diesen Gedanken sogar mit in unseren Alltag nehmen: Wir müssen nicht immer die großen Antworten haben. Manchmal reicht ein kleines Zeichen. Ein freundlicher Blick. Eine ausgestreckte Hand. Ein paar Worte, die einem anderen Menschen Mut machen.

Oder – ganz schlicht – ein kleines Zeichen auf der Heckklappe eines Autos, das uns im Stau daran erinnert, dass hinter uns, vor uns und neben uns Menschen unterwegs sind, die ihre ganz eigene Geschichte haben.

Und vielleicht ist ja auch einer dabei, der gerade ein kleines Zeichen dafür braucht: Du bist nicht allein.

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