Beten verbindet Menschen in aller Welt

Dirk Bingener

Herr Dirk Bingener ist Pfarrer und seit 2019 Präsident von missio, dem Internationalen Katholischen Missionswerk in Aachen. Gleichzeitig wurde Pfarrer Bingener zum Präsidenten des Kindermissionswerkes “Die Sternsinger” berufen. Ich freue mich, dass er sich die Zeit genommen hat, auf meine Fragen zu antworten.

Herr Pfarrer Bingener, welchen beruflichen Lebensweg haben Sie beschritten und wie ist es dazu gekommen, dass Sie vor fast genau zwei Jahren “Chef” von missio Aachen wurden?

Pfarrer Dirk Bingener: Ich bin in einer Familie im Siegerland groß geworden, für die das Engagement in der katholischen Kirche selbstverständlich ist. Ich konnte in unserer Pfarrgemeinde mit anderen jungen Menschen zusammen das Leben der Kirche mitgestalten, das war eine prägende Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarität. Wir bauten eine Schule in Guatemala. Wir begegneten dort den Menschen, gemeinsam mit ihnen standen wir auf der Baustelle.

Pfarrer Dirk Bingener beim Besuch eines missio-Projekts in Nigeria

Daraus hat sich eine Partnerschaft bis heute entwickelt. Ich studierte in Bonn und München katholische Theologie und wurde im Jahr 2000 zum Priester geweiht. Ich durfte Pfarrer Franz Meurer in der Pfarrei St. Elisabeth und St. Theodor in den Kölner Stadtteilen Vingst und Höhenberg kennenlernen. Pfarrer Meurer geht dort auf die Menschen zu, fragt nach, wo und wie Hilfe gebraucht wird, und hilft dann ganz konkret. Für mich ist diese Gemeinde eine zweite Heimat geworden. Ich erlebte eine innovative Kirche nah bei den Menschen, auch das prägte mich.

Die jungen Christinnen und Christen stellen so viel Gutes auf die Beine, das wird aus meiner Sicht zu wenig wahrgenommen.

Zuletzt war ich seit 2015 Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Das war eine gute Zeit. Die jungen Christinnen und Christen stellen so viel Gutes auf die Beine in Deutschland, das wird aus meiner Sicht zu wenig wahrgenommen. Gemeinsam entwickelten wir etwa die 72-Stunden-Aktion. So habe ich das Gefühl, in der katholischen Kirche immer dort zu arbeiten, wo Zukunft entsteht. Das nehme ich mit in meine Tätigkeit als Präsident von missio Aachen und des Kindermissionswerkes ‘Die Sternsinger‘. Wie es zu dieser Berufung kam? Nun, ich wurde angesprochen von der Deutschen Bischofskonferenz, ob ich diese Aufgabe übernehmen wolle – und ja, ich freue mich, jetzt Weltkirche erleben und mitgestalten zu dürfen.

Eine Frage, die Ihnen vermutlich schon häufiger gestellt wurde: Der Name “missio” leitet sich von “Mission” ab, einem Begriff, der im Laufe der Jahrzehnte immer kritischer gesehen wird. Wie verstehen Sie Ihre Aufgabe als Präsident von missio?

Pfarrer Dirk Bingener: Klar, der Begriff “Mission” im christlichen Zusammenhang ist geschichtlich belastet. Hier sind im Namen des Christentums Verbrechen geschehen. Das dürfen wir nicht vergessen. Heute leben wir “Mission” anders. Das Hilfswerk missio ist Teil eines Netzwerkes von Christinnen und Christen in Deutschland, Afrika, Asien und Ozeanien, die voneinander lernen und miteinander handeln. Das ermöglicht Begegnung auf Augenhöhe. Davon bin ich fest überzeugt.

Pfarrer Dirk Bingener beim Gottesdienst zu seiner Einführung im Oktober 2019

Gemeinsam arbeiten wir dafür, dass alle Menschen in ihrer Heimat in Würde leben können. Sie sollen ihre von Gott gegebenen Fähigkeiten frei entfalten. Das ist für mich die Frohe Botschaft des Evangeliums und Kern des Auftrages von missio. Das ist unsere “Mission”. Sie prägt die Seelsorge und soziale Arbeit der Kirche im globalen Süden, die wir als Projektpartner zusammen entwickeln. Und die uns auch in Deutschland neue Impulse gibt.

Das Evangelium kennt für “Mission” zwei einfache Worte: Gott und Nächstenliebe.

Angesichts von Krieg, Terror, sozialer Ungerechtigkeit oder vielfältigen Verletzungen der Menschenrechte ist eine weltkirchliche Mission Menschenwürde notwendiger denn je. Das Evangelium kennt für diese “Mission” übrigens zwei einfache Worte: Gott und Nächstenliebe.

In Interviews, die Sie an anderen Stellen gegeben haben, sprechen Sie oft davon, dass es Ihnen besonders um politisches Engagement und um soziale Gerechtigkeit geht. Welche Rolle spielt dabei die Kraft des Gebets, um Dinge zum Positiven zu verändern?

Pfarrer Dirk Bingener: Jede und jeder von uns hat sicherlich schon einmal Belastendes, vielleicht sogar Schreckliches erlebt und dabei ein Stoßgebet gesprochen. Das kommt dann aus tiefstem Herzen. Das Stoßgebet mobilisiert unsere Reserven. Wie unter guten Freunden braucht es nicht viel Worte, um zu spüren, dass wir uns aufeinander verlassen können. Beten verbindet uns unmittelbar mit Gott und meinen Mitmenschen. Im Beten erleben wir ein Grundvertrauen in eine Gemeinschaft, die uns trägt. Mit dieser Kraft verändern wir Dinge zum Positiven. Deshalb sind für mich als Priester persönlich auch die Fürbitten im Gottesdienst so wichtig. Selbst wenn wir ein sehr persönliches Anliegen vorbringen, geschieht das in Gemeinschaft.

Lange Zeit ging es immer darum, dass wir als Teil der wohlhabenden westlichen Welt den Globalen Süden mit unseren guten Taten “beglücken”. Inzwischen haben wir begriffen, dass es sich hier um ein Geben und Nehmen handelt. Gerade im Hinblick auf das Thema Gebet bzw. Spiritualität im Allgemeinen haben uns zum Beispiel die Gemeinden in Afrika doch auch viel zu geben. Ich denke hierbei an das in vielen unserer Gemeinden praktizierte Bibelteilen, das aus afrikanischen Basisgemeinden stammt. Wie sehen Sie dieses Verhältnis von Geben und Nehmen gerade auch im Hinblick auf Formen des Gebets?

Pfarrer Dirk Bingener: Da haben Sie Recht. Beten schafft Gemeinschaft über Kontinente hinweg. Hier können wir alle voneinander lernen und unsere Gebetskultur in der Weltkirche wechselseitig bereichern. Das Bibelteilen, wie es Kleine Christliche Gemeinschaften in Afrika oder Asien praktizieren, ist Teil des Gebetslebens in Deutschland geworden. Hier geht es darum, die Kraft des Gebetes im Alltag zu aktivieren und die Rolle aller für das Gemeindeleben zu stärken. Aber auch unsere Meditationskurse mit dem indischen Jesuiten Sebastian Painadath SJ zum Beispiel sind sehr erfolgreich.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich…”

Pfarrer Dirk Bingener: Gebet ist für mich eine Kraftquelle!

Ich danke für das Gespräch.

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