Angedacht

Heinz Frantzmann

Heinz Frantzmann, Pfarrer im Ruhestand

Heinz Frantzmann war als evangelischer Pfarrer in Düsseldorf tätig, in der Kirchengemeinde Düsseldorf-Eller und bei der Diakonie. Im Jahr 2019 wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

Ich freue mich, dass sich Herr Frantzmann bereit erklärt hat, die Kolumne “Angedacht” zu schreiben. Die monatlich erscheinenden Beiträge verstehen sich als Denkanstöße.

Angedacht: Von Angesicht zu Angesicht

Reichlich verrückt, war mein erster Gedanke. Eine Frau in einem langen weißen Gewand sitzt auf einem Stuhl. Sie tut nichts anderes als dazusitzen. 75 Tage lang.

Sie sitzt in einem Ausstellungsraum des New Yorker Museums für moderne Kunst. Ihr gegenüber, in dem großen und ansonsten leeren Raum, steht ein zweiter Stuhl. Dort kann sich von den Museumsbesuchern hinsetzten, wer will.

Kann so lange sitzen blieben, wie er oder sie mag.

Kann dort sitzen und sich von der Frau anschauen lassen.

Die Frau ist die serbische Künstlerin Marina Abramowic´.

In der Kunstszene ist sie bekannt für ihre oft provokativen Auftritte.

Ihre Form der Aktionskunst im Museum in New York ist eine stille Darbietung, sehr still.

Ein in sich versammelter Mensch, der nichts anderes tut, als still dazusitzen und sein Gegenüber anzuschauen. Namenlose Menschen, aber auch prominente Museumsbesucher, Schauspieler, Politiker, Künstlerkolleginnen, alle sind davon fasziniert.

Sie alle, so berichten die Medien, können sich der Wirkung dieser Situation nicht entziehen.

Viele sind so gerührt, dass ihnen die Tränen fließen.

Einige fragen nach dem Sinn der Sache.

Warum quält sich die Frau so? Was will sie damit sagen? Welchen Sinn hat das alles?

Das Geheimnis, so schrieb eine Zeitung, liegt wohl darin, dass mit dieser künstlerischen Inszenierung drei Dinge geboten werden, die in unserer Lebenswelt besonders knapp sind.

Erstens: Jemand schenkt Zuwendung und ungeteilte Aufmerksamkeit, selbst wenn das für ihn möglicherweise mit großen Anstrengungen oder Schmerzen verbunden ist.

Zweitens: Jemand verschenkt Zeit, unendlich viel Zeit, und das in einer Stadt wo sonst Hektik und Geschwindigkeit triumphieren.

Und drittens: Jemand gibt Sicherheit und Verlässlichkeit. Denn wenn eines sicher war in der Zeit dieser Ausstellung, dann dies, dass Marina Abramovic´ auf ihrem Stuhl im Museum anzutreffen war. Sie war da!

Ich hatte nie die Gelegenheit, auf dem Stuhl gegenüber der Künstlerin Platz zu nehmen und mich der Eigenart dieser besonderen Situation auszusetzen. Aber es fällt mir nicht schwer, die Faszination nachzuvollziehen, die von davon ausgeht.

Ich finde, es handelt sich um eine höchst religiöse Szene. Sie erinnert mich an die Zusage, die in einer Segenshandlung am Ende eines Gottesdienstes geschieht.

“Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir. Gott erhebe sein Angesicht auf dich”, heißt es in der biblischen Segensformel im 4. Buch Mose.

Gott segnet einen Meschen, indem er ihn anschaut, ihm Zuwendung schenkt.

Er erkennt sein Gegenüber; das kann uns selbstbewusst machen und hoffentlich auch ermutigen zum wachsamen Nachdenken und Umdenken, vielleicht auch zum Schmunzeln über einen selbst.

Gott lässt sein Angesicht leuchten… er sieht uns mit all unseren Farben und Narben.

Gott segnet einen Menschen, indem er ihn anschaut.

Das heißt zugleich, er nimmt sich Zeit.

Im Fluss des Geschehens, in der Hektik der vielen Augenblicke und Ereignisse, die sich überstürzen und uns immer wieder neu herausfordern, tritt Ruhe ein, wenn Gott sein Angesicht auf einen Menschen hebt. So wird Zeit, die wir erleben, zu einer sinnvollen Zeit, gerade auch in leidvollen Situationen.

Und schließlich: Gott ist verlässlich. Er ist da, weil und indem er mich anschaut.

Ich muss ihn nicht suchen, weil er mich längst gefunden hat.

Sein Name lautet: Ich bin da und ich bin der, der ich sein werde.

Für mich knüpft Marina Abramovic´ an diese religiöse Urszene an.

Angedacht: Du meine Seele singe (3/3)

Ja, die Seele braucht das richtige Wort zur richtigen Zeit, um aufzuleben.

Doch auch ein Dach, Brot, Geld und Kleidung. Menschen, die sie nicht aufgeben. Die Seele ist der Ort einer letzten Gewissheit und Ungewissheit.

Sie lässt sich nicht greifen, aber auch nicht verstecken.

Und manchen hält es nicht in der Stille. Die Seele bringt sich zu Gehör. So wie in dem schönen Kirchenlied: Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön! Unsere Seele möchte sich ausdrücken, möchte sich selbst erleben und im Singen – wohl allen, die das können – haben wir diese wunderbare Möglichkeit. Wir können andere mitreißen, mit anderen gemeinsam erleben, wie unsere Seele klingt.

Nicht selten lasse ich andere singen, die genau das zum Ausdruck bringen, wie ich empfinde. Allein Musikhören kann die Seele aufhellen.

So musste schon vor 3000 Jahren der junge David für König Saul die Leier spielen, weil sich dessen Seele immer wieder verdunkelte.

Und wir können Seelenverwandte finden. Menschen, mit denen unsere Seele zusammenklingt. Freundschaften zu pflegen ist eine Tugend der Seele. Freundschaft beginnt schon damit, dass die Ausstrahlung des anderen mich anspricht, ich finde jemanden interessant, liebenswert, entdecke gleiche Interessen oder Erfahrungen helfen.

Wenn meine Seele zufrieden ist und klingt, dann strahlt das aus. Für manche ein weiter Weg, für andere nur ein kleiner Schritt.

Herbert Grönemeyer hat sich vieles von der Seele geschrieben und gesungen. Vor allem mit seinem Lied “Mensch” begeistert er mich, ein Lied, das meine Seele und Stimme zum Mitsingen und Nachdenken bringt.

Es ist ok, alles auf dem Weg
und es ist Sonnenzeit
Ungetrübt und leicht.
Und der Mensch heißt Mensch
Weil er vergisst
Weil er verdrängt
Und weil er schwärmt und glaubt
Sich anlehnt und vertraut
Und der Mensch heißt Mensch
Weil er erinnert, weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt
Und weil er lacht
Und weil er lebt
Du fehlst.

Angedacht: Der Seele Raum geben (2/3)

Ist es nicht wunderbar, dass Artikel 140 unseres Grundgesetzes vorsieht, dass die Sonntage und Feiertage zur “seelischen Erhebung gesetzlich geschützt” bleiben? Was für ein schöner Freiraum, sich um die Seele – egal wie groß oder klein sie ist – zu kümmern.

In meinem Beruf als Pfarrer spielte die Seele eine wichtige Rolle. Als Seelsorger bin ich der Seele der Menschen begegnet. In den vielen Fragen und Geschichten wurde offensichtlich, ob mir jemand mit einer verängstigten Seele gegenübersaß, ob eine schwere Last auf seiner Seele lag oder eine freudige Seele Bestätigung suchte und Freude teilen wollte. Auch verlorene Seelen habe ich gesehen, die herumirrten und keinen Halt fanden.

Die Seele zeigt sich im Gespräch und im Gebet. Nicht vollständig. Eher zaghaft und leise wagt sich etwas von dem hervor, was jemanden zutiefst bewegt oder freut.

Und ich fühle mich geehrt, dass Menschen sich mir in dieser Weise anvertrauen. Ein riesiger Vorschuss an Vertrauen, den es sorgfältig zu behandeln gilt.

Das vertraute Gespräch mit Menschen, die etwas suchen, bringt einen miteinander in Kontakt, auch mit meiner eigenen Seele.

Und oft suchen Menschen nach etwas, das viel weiter führt als dieses Gespräch. In einer Kirche zum Beispiel hofft man auf Gott, auf Barmherzigkeit, Geborgenheit. Auf Trost und dass sich etwas zum Guten wendet. Gut, dass es diese kirchlichen Räume gibt.

Auch Sigmund Freud fällt einem ein, der große Spurensucher der Seele. Er hat sie gründlich erforscht und weist noch auf weitere Zusammenhänge hin. Er zeigt den inneren Raum des Menschen auf, in dem sich frühkindliche Prägungen tief in die Seele schreiben und weitere Erfahrungen führen zu unerklärlichem Verhalten und Blockaden in der eignen Entwicklung.

Jedoch der Seele angemessen bleibt die Zuwendung, das geschulte und einfühlsame Gespräch mit Psychologen, Beratern, Ärztinnen und Seelsorgern. Die Seele braucht das richtige Wort zur rechten Zeit. Niemand kann in die Seele eines anderen blicken, aber man kann sie erschließen, man kann sich einhören. Sie zeigt sich in vielem: Im Gesicht, in den Augen, in Mimik und Gestik.

Nutzen wir diese vielfältigen Möglichkeiten; sie öffnen der Seele Räume.

Wahres Leben besteht in der Sorge um die eigene Seele, sagte der griechische Philosoph Sokrates fast zeitgleich mit biblischen Autoren. Die Sorge um die Seele hat für die Psalmbeter eine Richtung. Sie sehen die Seele auf Gott bezogen.

Gott hat uns mit einer Seele geschaffen, die sich nach ihm sehnt. Viele schöne Gebete sind uns vor allem in den Psalmen überliefert, wo Menschen ihr Leben, ihre Not und ihre Fröhlichkeit mit Gott teilen.

“Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.” (Psalm 42,3)

Angedacht: Die Seele (1/3)

Es gibt ein Wort in unserer Sprache, das ich auf keinen Fall missen möchte: Seele. Es hat etwas Zartes. Klingt einfach und zugleich komplex.

Wie geht es Ihrer Seele heute? Hoffentlich gut, beschwingt und leicht. Wie auch immer ihre Seele gestimmt ist, hier ist sie willkommen.

In unserer Sprache ist sie ganz selbstverständlich zu Hause. Auch wenn sie schwer zu beschreiben oder zu begreifen ist, kommt das Wort Seele recht häufig vor.

Wenn wir uns etwas von der Seele reden, oder etwas auf ihr liegt. Es tut einem in der Seele weh oder wir lassen die Seele baumeln. Unter all dem verstehen wir sofort etwas. Wir sprechen von der Seele als wäre sie so etwas wie unsere Innenausstattung.

Was unsere Seele ausmacht, wie es ihr geht und wie sie sich aufrichten lässt oder wie sie strahlt danach fragen Romane- und Gedichte, Gebete und Lieder.

Eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration ist die Bibel, ein Glaubens – und Hoffnungsbuch.
Vor allem ein Seelendokument. Biblische Geschichten spielen in diesem Innenraum, in dem Menschen einander, sich selbst und Gott begegnen. Jesus hat den Ruf ein Wunderheiler zu sein. Wenn jemand ihn fragt, fragt er zurück: was ist die Krankheit, was sucht dieser Mensch und wie sucht er. Jesus heilt durch Gesten und Worte, durch Berührung, durch Glauben. Heute würden wir sagen: Er weckt die Selbstheilungskräfte im Menschen.

Er geht in Kontakt mit dem Innenraum, wo Glaube, Hoffnung und Liebe wohnen oder Verzweiflung und Angst.
Und es gibt tatsächlich Worte in der Bibel, die Kraft haben. Die Kraft, etwas zu verändern, indem sie mir etwas erschließen, klarmachen, mir Hoffnung geben und Aussichten eröffnen. Worte, die meine Seele ergreifen, besänftigen, gesunden lassen.

Solche mächtigen Worte sind es, die wir wie einen Schatz in der Bibel und unserer Tradition haben. “Bittet, so wird Euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird Euch aufgetan.” Es gibt auch hier keine Zauberei. Aber es gibt Möglichkeiten, es öffnet der Seele Räume. Und mit und ohne Übung sagen wir vielleicht am Ende des Tages: “Der Herr war mein Hirte. Er hat meine Seele erquickt und mich zum frischen Wasser geführt.” (Psalm 23)