Angedacht

Heinz Frantzmann

Heinz Frantzmann, Pfarrer im Ruhestand

Heinz Frantzmann war als evangelischer Pfarrer in Düsseldorf tätig, in der Kirchengemeinde Düsseldorf-Eller und bei der Diakonie. Im Jahr 2019 wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

Ich freue mich, dass sich Herr Frantzmann bereit erklärt hat, die Kolumne “Angedacht” zu schreiben. Die monatlich erscheinenden Beiträge verstehen sich als Denkanstöße.

Angedacht: Ein Blick durchs Schlüsselloch

Alle Jahre wieder: Advent und Weihnachten.

Was wäre die vorweihnachtliche Zeit ohne die vielen Lichter, auch wenn wir in diesem Jahr hoffentlich etwas sparsamer damit umgehen?

Es scheint, als wollte man die die frühe Dunkelheit in dieser Jahreszeit verdrängen und durch Kunstlicht oder Kerzenlicht ersetzen. Aber die Dunkelheit lässt sich nicht künstlich verdrängen.

Vielleicht ist der Advent sogar die Zeit, die uns daran erinnern und unseren Blick auf das Kommende schärfen will.

Dabei hilft mir die Erinnerung an meine Kindheit und dieser adventliche Blick durchs Schlüsselloch. Als Kinder haben wir ihn geliebt. Vor allem an Heiligabend. Da durften wir nicht mehr ins Wohnzimmer.

Aber es gab ja noch ein Schlüsselloch. Und da haben wir Kinder uns dann davor gedrängelt, um wenigstens einen kleinen Blick durchs Schlüsselloch zu erhaschen.

Was ich damals gesehen habe, weiß ich gar nicht mehr – aber ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, nicht mehr warten und endlich etwas sehen zu wollen!

Dieses Gefühl gibt es ja nicht nur an Weihnachten.
Diese Sehnsucht, die Ungeduld.
Wie lässt sich die Wartezeit verkürzen?
Wie kann man vorher schon einen Blick erhaschen?


Gerade in schweren Zeiten fragen viele: Wann hört die Belastung endlich auf? Wann wird es endlich besser, leichter? Ist denn etwas Gutes in Sicht?

Schlüssellöcher geben den Blick frei. Und sie sind durchlässig für die Sehnsucht und die Hoffnung. Für mich ist der ganze Advent so eine Art Schlüsselloch.

Er lädt uns ein, zu suchen, worauf wir hoffen. Einen Blick auf das zu ergattern, wonach wir uns sehnen.


Worauf richtet sich Ihre Hoffnung, Ihre Sehnsucht im Advent?

Ich hoffe auf Begegnungen, die gut tun. Ich hoffe darauf, mehr Zeit zu haben für das, was wirklich wichtig ist. Und ich hoffe auf Gott. Dass er kommt.  Als Mensch unter uns Menschen. Dass er bei uns ist. Und dass es anders wird in der Welt. Kein Krieg mehr, endlich Frieden. Menschen, die hungern, werden, satt – und wir Menschen kümmern uns umeinander.

Advent ist die kurze Zeit, der kleine Ausschnitt, durch den wir schon jetzt eine Ahnung, einen Vorgeschmack davon bekommen und damit anfangen können, was zu verändern.

Als Kinder haben wir durch das Schlüsselloch immer viel zu wenig gesehen. Und viel zu kurz.

Aber das hat uns nicht davon abgehalten, es immer wieder zu versuchen. Und uns darauf zu freuen, dass irgendwann die Tür aufgeht und die Erwartung erfüllt wird!

Noch ist es nicht so weit.

Aber bis dahin haben wir immerhin den Blick durchs Schlüsselloch.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Heinz Frantzmann Pfarrer i.R.

Angedacht: Ich sehe was, was du nicht siehst

In der Offenbarung des Johannes, ganz am Ende der Bibel lese ich:

„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen – und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Alte ist vergangen. Siehe ich mache alles neu“!
Wie das wohl ist, wenn Gott einem die Tränen abwischt?
Wir haben uns an solche Texte gewöhnt, besonders im November.
Da besteht immer auch die Gefahr, sie nur noch als allgemeine Floskel zu hören.

Jedoch wenn ich diese Worte ernst nehme, dann meint das konkret: diese intime, einem nahe kommende Geste des Tränenabwischens.
Gott selbst kommt herunter von seinem hohen Thron, um uns die Tränen abzuwischen wie eine liebende Tochter, ein zugewandter Vater, ein guter Freund.

Ich finde, das ist eine enorme Spannung:
zwischen diesen sehr persönlichen und menschlichen Erfahrungen mit dem Tod und auf der anderen Seite dem mächtigen, kosmischen Auftritt Gottes, der hier beschworen wird.
Alles, was menschliches Leben beschwert und bedroht, ist nicht mehr.
Auch der Tod – ist nicht mehr.
Und Gott, den wir oft als so fern empfinden, wird so nahe sein, dass er uns die Tränen abwischt.

Ich vermag mir das ehrlich gesagt nicht so richtig vorzustellen, wie das sein wird.
Aber Johannes sagt: Ich sehe was, was du nicht siehst.

Wenn ich mir diese Bilder vor Augen male, dann spüre ich da schon diese Sehnsucht, wie das wäre, wenn Gott mich hört, bevor ich rufe und wenn er mir selbst die Tränen abwischt, wenn er mir zu trinken gibt aus seiner lebendig machenden Quelle und das Leid ein Ende hat.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ sagt Johannes und da muss ich sagen:
Wenn ich in die Welt schaue, in der ich lebe, dann sehe ich Leid, Schmerz, Tod und Trauer.
Ich sehe nicht, was du da siehst, Johannes.
Die Welt, die ich sehe, ist nicht neu, sondern alt. Sie war schon immer voll Tod und Trauer, voll Leid und Schmerz und wahrscheinlich wird sie es auch immer bleiben.
Ich sehe deine neue Welt nicht.

„Ich kann nicht mehr sehen, trau nicht mehr meinen Augen, kann kaum noch glauben, Gefühle haben sich gedreht… Das Leben ist nicht fair“.
Der Prediger Herbert Grönemeyers erzählt in seinem Lied: „Der Weg“ – von der Mühe, die das Leben in der Trauerphase macht, als seine Frau mitten im Leben starb.
Dann entdeckt er erneut sein Menschsein, seine Energien und seine schöpferische Kraft.
Er vergisst nicht das Erlebte und singt:
„Ich bin viel zu träge, um aufzugeben, es wär auch zu früh, weil immer was geht.“
Ich habe dich fest in meiner Seele. Neue Zeitreise – offene Welt.

Siehe ich mache alles neu.
Der Prophet Johannes wirbt für diese offene Welt, eine neue Zeitreise, obwohl seine aktuelle Welt nicht anders ist als unsere.
Er kennt Angst, Schmerz und Trauer. Verzweiflung und Wut.
Und dennoch hält er daran fest: Ich sehe einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Ich sehe, dass es keinen Tod mehr geben wird, kein Leid und keine Schmerzen.
Siehe es wird alles neu.
Und das habt zum Zeichen:
Gott sagt: Ich habe Euch begleitet vom Beginn der Menschheit an. Ich bin Euer Schöpfer.
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Ich werde deine Tränen abtrocknen.
Habt Vertrauen und Hoffnung und lasst Euch mitnehmen auf diese neue Zeitreise in eine offene Welt.

Angedacht: Ein Blick in die andere Richtung

Neulich habe ich in einem Kalenderblatt einen irischen Segensspruch gelesen: “Mögest du viele Frühlinge und nur einen Herbst erleben”. Und ich habe mich gefragt, was ich davon halten soll.

Ich mag den Herbst. Die Wälder, die bunten Blätter, die sich verfärben, die kalte Herbstluft, diese ganz besondere Herbststimmung. Und vor allem vieles, was gut schmeckt: die Pflaumen, die Nüsse, Kürbisse und Pilze.

Nur einen Herbst und viele Frühlinge? Klar, der Frühling ist auch etwas Großartiges. Etwas Neues fängt an. Immer wieder anfangen, immer wieder erleben, dass die Sonne länger scheint und das Leben in der Natur neu erwacht. Das ist etwas ganz Besonderes.

Aber manchmal tut auch ein Blick in die andere Richtung gut.

Der Herbst führt uns vor Augen: Es gibt Veränderungen, Zeiten, in denen vieles vergeht oder zu Ende geht. Deshalb ist es gut und wichtig, dass sich im Herbst noch einmal der ganze Reichtum des Lebens zeigt, in Farben, in den Früchten, der ganzen Schöpfung Gottes.

Der Herbst taucht alles in ein anderes Licht. Genauso wie die Natur muss auch ich nicht alles festhalten. Ich muss nicht nur aufbauen, powern, anpacken. Nicht immer nur anfangen, sondern auch einmal abschließen, innehalten, loslassen.

Es liegt eine große Weisheit in diesem Rhythmus, den die Natur vorgibt.

Im Frühjahr schaut man auf die Erde, was da alles wächst. Im Frühling feiern wir Ostern. Das Fest des neuen Lebens.

Im Herbst ist das anders. Wir werden erinnert an das Werden und Vergehen im Leben.

Wenn es draußen kälter und dunkler wird, dann werden auch die Themen in den Gottesdiensten herbstlicher. Es geht auf das Ende des Kirchenjahres zu. Da geht es um Vergänglichkeit, um den Tod und um Menschen, die unser Leben mitgeprägt haben.

So machen wir im Laufe des Lebens unsere Erfahrungen mit herbstlichen Situationen. Es sind Zeiten des Loslassens und des Abschiedes. Aber in ihnen wird das Fundament für Neuanfänge gelegt, wenn wir uns die Perspektive der Hoffnung nicht nehmen lassen.

Wie in der Natur hat beides in unserem Leben einen Sinn: der Frühling und der Herbst und das ist keine Frage des Alters.

Die Erinnerungen an die persönlichen, herbstlichen Lebenserfahrungen mögen uns dies immer wieder bestätigen und das Gute im Frühling und das Gute im Herbst sehen lernen.

Angedacht: Blick in den Spiegel

Was sehen Sie, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen? Natürlich sich selbst! Klar. Aber ich meine: schauen Sie gerne hinein? Gefällt Ihnen, was Sie da sehen? Oder ist es eher so, dass Sie denken: O je, du hast auch schon besser ausgesehen.
Wo sind denn plötzlich die Falten oder die grauen Haare hergekommen. Die waren doch gestern noch nicht da!

Ich stehe manchmal auch vor dem Spiegel. Und suche und finde auch die eine oder andere Veränderung. Trotzdem stehe ich gerne vor dem Spiegel.

Das liegt daran, dass ich neulich in einem Gottesdienst war, in dem die Besucher und Besucherinnen einen Umschlag bekommen haben, auf dem stand: „Hier ist Gott drin!“

Neugierig habe ich genauso wie die anderen den Umschlag aufgemacht. Und drinnen war ein kleiner Spiegel.
Auf dem Spiegel stand:
“Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bild, als sein Ebenbild schuf er ihn.“ 1. Mose 1, 27

Das heißt also, wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich mich selbst – und damit auch Gott.

Eigentlich ist das ja eine lustige Vorstellung. Gott trägt also Brille und einen Drei-Tage Bart.
Aber für mich ist das auch eine sehr schöne Vorstellung.
Egal wie ich aussehe. Egal, wie viele Falten ich habe. Egal, ob ich traurig oder krank bin.
Egal, ob ich mich freue, wie ein Schneekönig.
Ich bin und bleibe ein Spiegelbild Gottes!

Und das Beste ist: Wenn das für mich gilt, dann gilt das auch für andere Menschen.
Und wenn ich es schaffe, genau das in meinen Mitmenschen zu sehen, dann kann ich mit manchen Situationen anders umgehen. Dann sehe ich nicht nur meinen nervigen Chef oder meine komplizierte Kollegin. Sondern ich sehe dann, dass dieser Mensch ein Bild Gottes ist. Auch wenn er manchmal genervt ist und Fehler macht.
Deshalb kann ich auch mit meinem Mitmenschen nicht einfach so nach Lust und Laune umspringen.

Vielleicht denken Sie einmal dran, wenn Sie das nächstes Mal in den Spiegel schauen.
Das sind nicht nur Sie selbst, was Sie da sehen. Das ist Gottes geniale Schöpfung mit all ihren Farben und ihren Narben.
Und vielleicht erinnern Sie sich ja dann auch mal wieder… „und Gott sah, dass es gut war!“ und sagen hmm – du siehst richtig gut aus heute.

Diese Erfahrung lohnt sich, an andere weiterzusagen und mit Worten und Taten weiterzugeben. Versuchen Sie einmal!

Angedacht: Von Angesicht zu Angesicht

Reichlich verrückt, war mein erster Gedanke. Eine Frau in einem langen weißen Gewand sitzt auf einem Stuhl. Sie tut nichts anderes als dazusitzen. 75 Tage lang.

Sie sitzt in einem Ausstellungsraum des New Yorker Museums für moderne Kunst. Ihr gegenüber, in dem großen und ansonsten leeren Raum, steht ein zweiter Stuhl. Dort kann sich von den Museumsbesuchern hinsetzten, wer will.

Kann so lange sitzen blieben, wie er oder sie mag.

Kann dort sitzen und sich von der Frau anschauen lassen.

Die Frau ist die serbische Künstlerin Marina Abramowic´.

In der Kunstszene ist sie bekannt für ihre oft provokativen Auftritte.

Ihre Form der Aktionskunst im Museum in New York ist eine stille Darbietung, sehr still.

Ein in sich versammelter Mensch, der nichts anderes tut, als still dazusitzen und sein Gegenüber anzuschauen. Namenlose Menschen, aber auch prominente Museumsbesucher, Schauspieler, Politiker, Künstlerkolleginnen, alle sind davon fasziniert.

Sie alle, so berichten die Medien, können sich der Wirkung dieser Situation nicht entziehen.

Viele sind so gerührt, dass ihnen die Tränen fließen.

Einige fragen nach dem Sinn der Sache.

Warum quält sich die Frau so? Was will sie damit sagen? Welchen Sinn hat das alles?

Das Geheimnis, so schrieb eine Zeitung, liegt wohl darin, dass mit dieser künstlerischen Inszenierung drei Dinge geboten werden, die in unserer Lebenswelt besonders knapp sind.

Erstens: Jemand schenkt Zuwendung und ungeteilte Aufmerksamkeit, selbst wenn das für ihn möglicherweise mit großen Anstrengungen oder Schmerzen verbunden ist.

Zweitens: Jemand verschenkt Zeit, unendlich viel Zeit, und das in einer Stadt wo sonst Hektik und Geschwindigkeit triumphieren.

Und drittens: Jemand gibt Sicherheit und Verlässlichkeit. Denn wenn eines sicher war in der Zeit dieser Ausstellung, dann dies, dass Marina Abramovic´ auf ihrem Stuhl im Museum anzutreffen war. Sie war da!

Ich hatte nie die Gelegenheit, auf dem Stuhl gegenüber der Künstlerin Platz zu nehmen und mich der Eigenart dieser besonderen Situation auszusetzen. Aber es fällt mir nicht schwer, die Faszination nachzuvollziehen, die von davon ausgeht.

Ich finde, es handelt sich um eine höchst religiöse Szene. Sie erinnert mich an die Zusage, die in einer Segenshandlung am Ende eines Gottesdienstes geschieht.

“Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir. Gott erhebe sein Angesicht auf dich”, heißt es in der biblischen Segensformel im 4. Buch Mose.

Gott segnet einen Meschen, indem er ihn anschaut, ihm Zuwendung schenkt.

Er erkennt sein Gegenüber; das kann uns selbstbewusst machen und hoffentlich auch ermutigen zum wachsamen Nachdenken und Umdenken, vielleicht auch zum Schmunzeln über einen selbst.

Gott lässt sein Angesicht leuchten… er sieht uns mit all unseren Farben und Narben.

Gott segnet einen Menschen, indem er ihn anschaut.

Das heißt zugleich, er nimmt sich Zeit.

Im Fluss des Geschehens, in der Hektik der vielen Augenblicke und Ereignisse, die sich überstürzen und uns immer wieder neu herausfordern, tritt Ruhe ein, wenn Gott sein Angesicht auf einen Menschen hebt. So wird Zeit, die wir erleben, zu einer sinnvollen Zeit, gerade auch in leidvollen Situationen.

Und schließlich: Gott ist verlässlich. Er ist da, weil und indem er mich anschaut.

Ich muss ihn nicht suchen, weil er mich längst gefunden hat.

Sein Name lautet: Ich bin da und ich bin der, der ich sein werde.

Für mich knüpft Marina Abramovic´ an diese religiöse Urszene an.

Angedacht: Du meine Seele singe (3/3)

Ja, die Seele braucht das richtige Wort zur richtigen Zeit, um aufzuleben.

Doch auch ein Dach, Brot, Geld und Kleidung. Menschen, die sie nicht aufgeben. Die Seele ist der Ort einer letzten Gewissheit und Ungewissheit.

Sie lässt sich nicht greifen, aber auch nicht verstecken.

Und manchen hält es nicht in der Stille. Die Seele bringt sich zu Gehör. So wie in dem schönen Kirchenlied: Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön! Unsere Seele möchte sich ausdrücken, möchte sich selbst erleben und im Singen – wohl allen, die das können – haben wir diese wunderbare Möglichkeit. Wir können andere mitreißen, mit anderen gemeinsam erleben, wie unsere Seele klingt.

Nicht selten lasse ich andere singen, die genau das zum Ausdruck bringen, wie ich empfinde. Allein Musikhören kann die Seele aufhellen.

So musste schon vor 3000 Jahren der junge David für König Saul die Leier spielen, weil sich dessen Seele immer wieder verdunkelte.

Und wir können Seelenverwandte finden. Menschen, mit denen unsere Seele zusammenklingt. Freundschaften zu pflegen ist eine Tugend der Seele. Freundschaft beginnt schon damit, dass die Ausstrahlung des anderen mich anspricht, ich finde jemanden interessant, liebenswert, entdecke gleiche Interessen oder Erfahrungen helfen.

Wenn meine Seele zufrieden ist und klingt, dann strahlt das aus. Für manche ein weiter Weg, für andere nur ein kleiner Schritt.

Herbert Grönemeyer hat sich vieles von der Seele geschrieben und gesungen. Vor allem mit seinem Lied “Mensch” begeistert er mich, ein Lied, das meine Seele und Stimme zum Mitsingen und Nachdenken bringt.

Es ist ok, alles auf dem Weg
und es ist Sonnenzeit
Ungetrübt und leicht.
Und der Mensch heißt Mensch
Weil er vergisst
Weil er verdrängt
Und weil er schwärmt und glaubt
Sich anlehnt und vertraut
Und der Mensch heißt Mensch
Weil er erinnert, weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt
Und weil er lacht
Und weil er lebt
Du fehlst.

Angedacht: Der Seele Raum geben (2/3)

Ist es nicht wunderbar, dass Artikel 140 unseres Grundgesetzes vorsieht, dass die Sonntage und Feiertage zur “seelischen Erhebung gesetzlich geschützt” bleiben? Was für ein schöner Freiraum, sich um die Seele – egal wie groß oder klein sie ist – zu kümmern.

In meinem Beruf als Pfarrer spielte die Seele eine wichtige Rolle. Als Seelsorger bin ich der Seele der Menschen begegnet. In den vielen Fragen und Geschichten wurde offensichtlich, ob mir jemand mit einer verängstigten Seele gegenübersaß, ob eine schwere Last auf seiner Seele lag oder eine freudige Seele Bestätigung suchte und Freude teilen wollte. Auch verlorene Seelen habe ich gesehen, die herumirrten und keinen Halt fanden.

Die Seele zeigt sich im Gespräch und im Gebet. Nicht vollständig. Eher zaghaft und leise wagt sich etwas von dem hervor, was jemanden zutiefst bewegt oder freut.

Und ich fühle mich geehrt, dass Menschen sich mir in dieser Weise anvertrauen. Ein riesiger Vorschuss an Vertrauen, den es sorgfältig zu behandeln gilt.

Das vertraute Gespräch mit Menschen, die etwas suchen, bringt einen miteinander in Kontakt, auch mit meiner eigenen Seele.

Und oft suchen Menschen nach etwas, das viel weiter führt als dieses Gespräch. In einer Kirche zum Beispiel hofft man auf Gott, auf Barmherzigkeit, Geborgenheit. Auf Trost und dass sich etwas zum Guten wendet. Gut, dass es diese kirchlichen Räume gibt.

Auch Sigmund Freud fällt einem ein, der große Spurensucher der Seele. Er hat sie gründlich erforscht und weist noch auf weitere Zusammenhänge hin. Er zeigt den inneren Raum des Menschen auf, in dem sich frühkindliche Prägungen tief in die Seele schreiben und weitere Erfahrungen führen zu unerklärlichem Verhalten und Blockaden in der eignen Entwicklung.

Jedoch der Seele angemessen bleibt die Zuwendung, das geschulte und einfühlsame Gespräch mit Psychologen, Beratern, Ärztinnen und Seelsorgern. Die Seele braucht das richtige Wort zur rechten Zeit. Niemand kann in die Seele eines anderen blicken, aber man kann sie erschließen, man kann sich einhören. Sie zeigt sich in vielem: Im Gesicht, in den Augen, in Mimik und Gestik.

Nutzen wir diese vielfältigen Möglichkeiten; sie öffnen der Seele Räume.

Wahres Leben besteht in der Sorge um die eigene Seele, sagte der griechische Philosoph Sokrates fast zeitgleich mit biblischen Autoren. Die Sorge um die Seele hat für die Psalmbeter eine Richtung. Sie sehen die Seele auf Gott bezogen.

Gott hat uns mit einer Seele geschaffen, die sich nach ihm sehnt. Viele schöne Gebete sind uns vor allem in den Psalmen überliefert, wo Menschen ihr Leben, ihre Not und ihre Fröhlichkeit mit Gott teilen.

“Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.” (Psalm 42,3)

Angedacht: Die Seele (1/3)

Es gibt ein Wort in unserer Sprache, das ich auf keinen Fall missen möchte: Seele. Es hat etwas Zartes. Klingt einfach und zugleich komplex.

Wie geht es Ihrer Seele heute? Hoffentlich gut, beschwingt und leicht. Wie auch immer ihre Seele gestimmt ist, hier ist sie willkommen.

In unserer Sprache ist sie ganz selbstverständlich zu Hause. Auch wenn sie schwer zu beschreiben oder zu begreifen ist, kommt das Wort Seele recht häufig vor.

Wenn wir uns etwas von der Seele reden, oder etwas auf ihr liegt. Es tut einem in der Seele weh oder wir lassen die Seele baumeln. Unter all dem verstehen wir sofort etwas. Wir sprechen von der Seele als wäre sie so etwas wie unsere Innenausstattung.

Was unsere Seele ausmacht, wie es ihr geht und wie sie sich aufrichten lässt oder wie sie strahlt danach fragen Romane- und Gedichte, Gebete und Lieder.

Eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration ist die Bibel, ein Glaubens – und Hoffnungsbuch.
Vor allem ein Seelendokument. Biblische Geschichten spielen in diesem Innenraum, in dem Menschen einander, sich selbst und Gott begegnen. Jesus hat den Ruf ein Wunderheiler zu sein. Wenn jemand ihn fragt, fragt er zurück: was ist die Krankheit, was sucht dieser Mensch und wie sucht er. Jesus heilt durch Gesten und Worte, durch Berührung, durch Glauben. Heute würden wir sagen: Er weckt die Selbstheilungskräfte im Menschen.

Er geht in Kontakt mit dem Innenraum, wo Glaube, Hoffnung und Liebe wohnen oder Verzweiflung und Angst.
Und es gibt tatsächlich Worte in der Bibel, die Kraft haben. Die Kraft, etwas zu verändern, indem sie mir etwas erschließen, klarmachen, mir Hoffnung geben und Aussichten eröffnen. Worte, die meine Seele ergreifen, besänftigen, gesunden lassen.

Solche mächtigen Worte sind es, die wir wie einen Schatz in der Bibel und unserer Tradition haben. “Bittet, so wird Euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird Euch aufgetan.” Es gibt auch hier keine Zauberei. Aber es gibt Möglichkeiten, es öffnet der Seele Räume. Und mit und ohne Übung sagen wir vielleicht am Ende des Tages: “Der Herr war mein Hirte. Er hat meine Seele erquickt und mich zum frischen Wasser geführt.” (Psalm 23)