Vom Patienten zum Begleiter: Leben mit psychischer Erkrankung

Andreas Kernchen

Andreas Kernchen ist Seelsorger und zertifizierter EX-IN Genesungsbegleiter. Die Abkürzung EX-IN steht für Experienced Involvement und meint die Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen in der psychiatrischen Arbeit. Ich freue mich, dass Herr Kernchen sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten.

Herr Kernchen, Sie erkrankten Anfang der 1990er-Jahre an einer so genannten „Schizoaffektiven Psychose“. Wie kam es dazu?

Andreas Kernchen: Ich war unter massivem Stress. Den hatte ich allerdings zu einem gewissen Teil mir selbst zuzuschreiben. Als Studienabbrecher war ich in meinem ersten Ausbildungsberuf als Chemiefacharbeiter in einem extremen Schichtsystem tätig. Nach 3 Wochen Arbeiten hatte ich erst einen freien Tag. Dazu absolvierte ich die Meisterschule Chemie um von den Schichten, die auch zweimal 12 Stunden Sonntagsarbeit beinhalteten, herunterzukommen.

Blumen
Foto: Achim Beiermann

Meine damalige Ehefrau und ich haben dann zudem noch ein Kind bekommen. Leider hatte der Junge massive Koliken, dies über die ganzen ersten Lebensjahre. Ein Zwist zwischen unserer jungen Familie und meiner Ursprungsfamilie zerriss mich dann komplett und führte zu meinem Nervenzusammenbruch.

Wie haben Sie die Diagnose damals wahrgenommen und wie haben Sie gelernt, mit Ihrer Erkrankung umzugehen?

Andreas Kernchen: Nachdem ich in die Psychiatrie eingewiesen wurde, musste ich mich erstmal ganz neu im Leben zurechtfinden. Ich wurde medikamentös eingestellt, lernte aber auch sehr viel über meine Erkrankung. „Psycho-Edukation“ nannte sich eine Schulung in der Klinik. Eine Diagnose zu haben tat mir gut. Ich sehe diese nicht als „Etikett“ an, sondern als ergänzende Erklärung meines gesundheitlichen Zustandes.

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Nach der akuten Phase, ging es bei mir Schubweise in Richtung: Mit der Krankheit leben, Toleranz der Erkrankung, bis hin zur Akzeptanz – mit Zwischenschritten. 

Wie helfen Ihnen Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Erkrankung bei Ihrer Arbeit als Genesungsbegleiter?

Andreas Kernchen: Es war schon 1993 / 1994 für mich förderlich von Alt-Patienten zu lernen. So fragte ich damals jemanden auch danach, was die Krankheit mit ihm macht.

Es ist immer gut von anderen erfahrenen Menschen lernen zu können.

Welche Ziele und Wünsche haben Sie für die Zukunft – sowohl für sich selbst als auch für die Arbeit mit anderen psychisch Erkrankten?

Andreas Kernchen: Für mich persönlich: Dass ich mit meiner jetzigen Ehefrau glücklich alt werden kann und weitere Krankheiten bei uns vermieden werden. 

Für meine Arbeit in der Sozialpsychiatrie: Ganz klar, dass offen über psychische Krankheiten geredet wird.

Dass eine Erkrankung, wie Depression, nicht ein Synonym für eine psychische Erkrankung bleibt, sondern jeder sich bemüht, die jeweiligen Krankheiten auch einzeln zu benennen.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich …”

Andreas Kernchen: Gebet ist für mich ein Gespräch mit Gott!

Ich danke für das Gespräch.

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