Alles tun, um Kriege zu verhindern

Prof. Dr. Reiner Anselm

Herr Prof. Dr. Reiner Anselm ist evangelischer Theologe. Nach Professuren in Jena und Göttingen sowie einer Gastprofessur an der Universität Zürich hat er seit 2014 den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Ethik des Politischen. Ich freue mich, dass Herr Prof. Dr. Anselm sich für die Beantwortung der folgenden Fragen bereit gefunden hat.

Herr Prof. Dr. Anselm, ich kann mir vorstellen, dass Sie im Moment gerade als Theologie-Professor mit dem Schwerpunkt „Ethik“ viele Anfragen zur Haltung der Kirchen zum Krieg in der Ukraine erhalten. Könnten Sie zunächst kurz skizzieren, wie Sie zu diesem Schwerpunkt gekommen sind?

Prof. Dr. Reiner Anselm: Ironischerweise war es auch die Friedensethik, die mich, neben meinem Engagement in der evangelischen Jugend, zum Theologiestudium gebracht hat. Ich habe 1984 zu studieren begonnen, und die Jahre zuvor waren durch die intensiven gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten um den NATO-Doppelbeschluss geprägt.

Die damit aufgeworfenen Fragen für die Kirche und ihre Haltung dazu interessierten mich – und im Laufe des Studiums hat mich das weite, interdisziplinäre Feld der Ethik immer mehr interessiert. Die Fragen der biomedizinischen Ethik und der politischen Ethik bilden dabei meine Schwerpunkte, bis heute.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein

Ökumenischer Rat der Kirchen, 1948

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs hatte die katholische Kirche in unserer Düsseldorfer Ortsgemeinde (Basilika St. Margareta) geflaggt: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“. Ich hatte sofort das Gefühl, da müsste „darf nicht sein“ stehen. Wenige Tage später sah ich den Satz „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ auf einem Banner an der evangelischen Johanneskirche in Düsseldorf. Was sagen Sie zu diesen unterschiedlichen Sätzen?

Prof. Dr. Reiner Anselm: Der erste Satz ist ein berühmtes Zitat aus einer Erklärung der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 1948 in Amsterdam. Dort haben die Kirchen bewusst einen Kontrapunkt gesetzt gegen diejenigen Position gerade innerhalb des deutschen Protestantismus, die den Krieg verherrlicht haben. Ich fürchte, die Johannisgemeinde hat sich einfach falsch erinnert – meinen Studierenden würde ich das jedenfalls als Fehler anstreichen. Sachlich macht das keinen Unterschied. Das moralische „soll“ entspricht einen „muss“ – oder, verneint, dem „darf nicht“.

Der Abwehrkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland war notwendig und moralisch legitim

Prof. Dr. Reiner Anselm

Das bedeutet, dass wir alles daran setzen müssen, Kriege zu verhindern und sie schon gar nicht anstreben können. Allerdings bedeutete schon damals – und heute ist es genauso – diese Aussage nicht, dass es unter keinen Umständen Krieg geben darf. Der Abwehrkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland war notwendig und moralisch legitim – wir sind es ja bis heute, die von der Befreiung durch die Alliierten profitieren. Das bedeutet übrigens nicht, dass alle Handlungen der Alliierten moralisch unproblematisch waren!

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Ganz konkret nachgefragt: Dürfen wir als Christen uns hinter Haltungen stellen, die dazu auffordern, schwere Waffen in die Ukraine zu schicken?

Prof. Dr. Reiner Anselm: Ja. Es gibt nicht nur ein Recht auf Notwehr und Selbstverteidigung, sondern eine moralische Pflicht, denjenigen zu helfen, die unter die Räuber fallen. Das grauenhafte Handeln Russlands, der erbarmungslose, nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheidende Krieg zeigen, dass es notwendig ist, hier Hilfe zum Schutz und zur Selbstverteidigung zu leisten. Leider schafft auch das Leid, aber nach allem was wir ahnen können, wäre eine Preisgabe der noch nicht besetzen Gebiete an Russland fürchterlich für die Menschen.

Soldat
Mahnmal auf dem Waldfriedhof Düsseldorf-Gerresheim
Foto: Achim Beiermann

Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Motto, das ich als junger Mann ganz grundsätzlich verstanden habe. Auf dieser Basis haben viele junge Christen meiner Jugend zum Beispiel den Kriegsdienst verweigert. „Friedensethik“ – Was heißt das für Sie bezüglich des Ukraine-Kriegs, aber auch generell?

Prof. Dr. Reiner Anselm: Für mich spielte dieses Motto, das ja ein früherer sächsischer Jugendpfarrer, Harald Bretschneider, zum Symbol der christlichen Opposition gegen die Militarisierung in der DDR hat werden lassen, eine große Rolle. Heute weiß ich, dass die Bemühungen um ökonomische Verflechtung, um Zusammenarbeit und Verständigung nicht ausreichen, wenn ein übermächtiger Staat gewaltsam versucht, sich einen anderen Staat einzuverleiben. Insofern habe ich viel Respekt für die Soldatinnen und Soldaten, die sich bereit erklären, auch unter dem Einsatz ihres Lebens unser Land und unsere Freiheit zu verteidigen.

Wie würden Sie den folgenden Satz fortsetzen? “Gebet ist für mich …”

Prof. Dr. Reiner Anselm: Gebet ist für mich ein von mir selbst Zurücktreten und im Vertrauen auf die Kraft der religiösen Sprache und die Perspektive des Glaubens Vergewisserung finden.

Ich danke für das Gespräch.

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