Ich habe das Fenster offen gelassen – wie schon gestern. eigentlich ist es zu früh, um geweckt zu werden. Aber von diesem „Wecker“ lasse ich mich gern wach machen.
Es ist eine Amsel mit ihrem Gesang. Wobei es nicht wirklich ein Gesang ist. Eher sind es Worte, eine Art Sprechgesang.
Zu gern wüsste ich, was sie zu sagen hat. Was immer es ist, es klingt irgendwie überlegt, geradezu durchdacht, jedenfalls überhaupt nicht zufällig. Hier hat jemand etwas zu sagen, zu verkünden. Sorgfältig ausgewählte Töne, die nach Silben, Wörtern, ganzen Sätzen klingen.
Ich liebe Amseln. Nicht weil sie besonders schön wären. Aber sie haben am Morgen das erste Wort – jedenfalls da, wo es eine Amsel gibt – und am Abend oft das letzte.
Das tun sie, so klingt es jedenfalls für mich, nicht mit einem besonderen Anspruch. Es hört sich nicht nach Revierverteidigung oder Familiengespräch an. Hier hat jemand etwas zu sagen. Eine Botschaft an die Welt. Ein Statement.
Sie tut das nicht, um gehört zu werden oder um Aufmerksamkeit zu bekommen. Alle anderen schlafen ja noch. Mit ihrem Sprechgesang weckt sie niemanden- außer mich, aber das hat sie nicht beabsichtigt.
Es kommt aus ihr und es ist die erste Ansage des Tages. Ein wundervoller Morgengruß für einen Tag, der noch gar nicht richtig begonnen hat. Es hat etwas von einem Gebet, eine Art Morgengesang oder Morgenlied.
Eine Hinwendung zu Gott? Das geht vielleicht ein bisschen zu weit.
Etwa eine Viertelstunde braucht sie. Dann hat sie alles gesagt und hört so unvermittelt auf, wie sie begonnen hat. Es ist jetzt wieder still. Zu früh zum Aufstehen. Ich lege mich noch einmal hin. Und dann kann der Tag kommen.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit – und wer weiß – vielleicht hat sie ja heute Abend das letzte Wort. Die Amsel!








